Sonntag, 3. Juni 2012

"Rattentanz" von Michael Tietz

"22. Mai, 01.53 Uhr, Wellendingen

Nur in Eva und Hans Segers Küche brannte noch Licht - das einzige in ganz Wellendingen. Der kleine Ort im Südschwarzwald schlief. Dass es die letzte Nacht der alten Zeitrechnung war, wusste keiner."


"Rattentanz" von Michael Tietz

Verlag: Ullsteinverlag (2010)
Format: TB, 831 Seiten
ISBN: 978-3-548-28251-0
Preis: 14,00 € [D]

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Inhalt


Um einer Klausur zu entgehen, programmierten zwei Schüler über ein Jahr zuvor einen Computervirus. Sie packten diesen in drei Komponenten, die sie alle einzeln an verschiedene Computer der Schule schicken. Doch es unterläuft ihnen ein Fehler: anstatt 40 Tage später wie geplant die Schule lahmzulegen, geben sie dem Virus 400 Tage Zeit, bevor er sich aktiviert. In dieser Zeit gehen von der Schule Mails und Dateien an Banken, Stadtwerke und Privatpersonen. Die drei Einzelteile des Virus können nicht von Virenschutzprogrammen erkannt werden und so verteilen sie sich munter auf der ganzen Welt bis schließlich am 23. Mai um Punkt 7.00 Uhr alles zusammenbricht.

Strom und Wasser fließen nicht mehr, Radio und Handys haben keinen Empfang und Flugzeuge stürzen vom Himmel. Anfangs glauben alle an einen vorübergehenden Ausfall, doch in den großen Städten stellt sich schnell Panik ein. Banken werden überfallen, Supermärkte ausgeraubt. Schließlich schwappt eine Welle der Gewalt und Verwüstung auch in die entlegensten Teile der Welt und endlich beginnen auch die kleinen Dörfer, den Ernst der Lage zu begreifen, sich zu verbarrikadieren und untereinander zu organisieren.


Meine Meinung


Tietz lässt seine Geschichte an verschiedenen Schauplätzen spielen und zeigt, wie sich das Leben unterschiedlichster Menschen dramatisch verändert. Dreh- und Angelpunkt ist die Familie Seger aus dem süddeutschen Wellendingen. Einen Tag vor der Katastrophe bricht der Vater Hans geschäftlich nach Schweden auf, seine Frau Eva bleibt mit der kleinen Tochter Lea zurück. Sie hat ihrem Mann noch nicht gesagt, dass sie ein Kind erwartet. Zum Zeitpunkt der Katastrophe befindet Eva sich im Krankenhaus von Donaueschingen. Während sie dort versucht, Leben zu retten, begegnet sie weiteren Personen, die sie das ganze Buch über begleiten und verfolgen werden. Unter ihnen ist der schizophrene Thomas, der Stimmen in seinem Kopf hört und entscheidend für die Zukunft vieler Menschen ist. Zusammen mit ihm und einem Polizisten schafft sie es zurück in ihr Heimatdorf, das dabei ist, sich auf das Schlimmste vorzubereiten: die Einsicht, dass der jetzige Zustand der Normalzustand wird. Währenddessen überquert Hans mit einem Boot die Ostsee und schlägt sich zu Fuß durch ganz Deutschland. Eine qualvolle Reise, die ihn nicht nur einmal in Lebensgefahr bringt.

Jede Figur des Buches hat ein Eigenleben und eine Vorgeschichte. Manchmal eine schreckliche. Das hat mir an dem Buch besonders gefallen: dass es nicht einfach nur irgendwelche Menschen sind, die da ums Überleben kämpfen, sondern dass man sich in sie hineinversetzen kann, weil man alles von ihnen weiß. Man begleitet sie dabei wie sie an der Situation zerbrechen und beinahe den Verstand verlieren oder wie sie sich aufraffen und über sich hinaus wachsen.

Viele kritisieren die detailiert beschriebenen Gewaltszenen in Rattentanz und unterstellen Tietz, ein besonderes Interesse daran zu haben. Ich finde aber, dass diese Szenen dazu gehören. Sie sind durchaus realistisch wenn man bedenkt, unter welchen Existenzängsten die Menschheit plötzlich leidet und dass es durchaus Menschen gibt, die schnell zu dem Schluss kommen, nur der Stärkere könne überleben. In einer solchen Situation wird ein kleiner Laib verschimmelten Brotes schnell zu einem guten Grund, einen anderen Menschen zu töten. Die Beschreibung dieser Überlebenskämpfe gehört einfach in dieses Buch und es wäre ohne sie viel weniger realistisch. Außerdem regen sie zum Nachdenken an: wie weit wäre ich bereit zu gehen, um mich, meine Kinder, meine Familie zu retten?

Das Buch ist äußerst spannend geschrieben und während der ganzen 831 Seiten habe ich mich kein einziges Mal gelangweilt. Ich wollte unbedingt wissen, wie es ausgeht. Sowohl die ganze Menschheitsgeschichte als auch die kleinen zweischenmenschlichen Beziehungskisten. Würde irgendjemand alles wieder ins Lot bringen? Würde Hans es zurück zu seiner Familie schaffen? Würde sein Dorf dann überhaupt noch existieren? Es ist auch nicht so, dass es pausenlos zu blutigen Auseinandersetzungen kommt. Vor allem im Heimatdorf der kleinen Familie entsteht eine (fast) feste Gemeinschaft, man wählt einen Rat, teilt Helfer ein um auf dem einzigen Bauernhof des Dorfes, der plötzlich überlebenswichtig wird, die Kühe zu melken, Holz zu sammeln oder die provisorischen Straßensperren zu bewachen. Unscheinbare Charaktere entwickeln sich zu Helden, vorher Fremde rücken zusammen und helfen einander.

In seinem Nachwort gibt Tietz zu bedenken, dass ein solcher Totalausfall der modernen Technik eher unwahrscheinlich ist und dass es auch nicht bestätigt werden kann, dass Flugzeuge oder andere Geräte so sensibel darauf reagieren würden. Er betont, dass das Buch reine Fiktion sei und es nicht vorrangig um das Computervirus, sondern um das Danach geht. Um die Menschen. Wie verhalten sie sich in einer solchen Situation? Was wird aus den alten Werten und der Ethik?
Ich kann dieses Buch nur empfehlen und vergebe 5 von 5 Wolken, die es wirklich verdient hat!

Kommentare:

  1. Hallo Jacy,

    kann Dir nur voll und ganz zustimmen. Ich habe das Buch vor 1-2 Jahren gelesen und es war wirklich erschreckend, wie realistisch M. Tietz den Stromausfall umgesetzt hat. Das Buch ist wirklich zu empfehlen.

    LG Isabel

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  2. Danke für die Rezi ;D

    Ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und habe ein bisschen auf deinem Blog gestöbert und mich dazu entschlossen, regelmäßiger Leser zu werden.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn du meinen Blog besuchen würdest und ihn, wenn er dir gefällt, regelmäßig lesen würdest und auch über Verbesserungsvorschläge.

    Hier der Link zu meinem Blog:
    http://rozasleselieblinge.blogspot.com/


    Liebe Grüße
    Chrisy

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)