Mittwoch, 8. August 2012

"Das Mädchen mit dem Perlenohrring" von Tracy Chevalier

"Meine Mutter sagte mir nichts von ihrem Kommen. Sie wollte nicht, daß ich befangen wirke, erklärte sie mir später. Das überraschte mich; ich hatte geglaubt, sie kennt mich gut. Fremde halten mich immer für ruhig. Als kleines Kind hatte ich nie geweint. Nur meiner Mutter fiel auf, daß mein Kinn sich anspannte, daß meine runden Augen noch weiter wurden. Ich war in der Küche und schnitt gerade Gemüse, als ich von der Haustür her Stimmen hörte - die Stimme einer Frau, hell wie blankes Messing, und die eines Mannes, tief und dunkel wie das Holz des Tisches, an dem ich gerade arbeitete."


"Das Mädchen mit dem Perlenohrring" von Tracy Chevalier

Verlag: List (2010)
Format: TB, 278 Seiten
ISBN: 978-3-548-60069-7
Preis: 8,95 € [D]
Originaltitel: "Girl with a Pearl Earring" (1999)

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Klappentext


Wer war die geheimnisvolle Unbekannte, die Vermeer so unvergeßlich auf die Leinwand gebannt hat? Ein bezaubernder Roman - Liebesgeschichte und holländisches Genrebild zugleich.


Meine Meinung


In diesem Buch wird die Entstehungsgeschichte des bekannen Gemäldes "Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" von Jan Vermeer beschrieben. Die Geschichte ist fiktiv, denn das Mädchen, das dem Maler Modell saß, ist anonym. Aber ich finde, dass es genau so stattgefunden haben könnte. Schon vor Jahren habe ich den Film gesehen und wann immer ich seither das Bild sehe, habe ich die Geschichte von der Dienstmagd Griet vor Augen.

Das Buch ist faszinierend - es ist genau die Art von Buch, die man ohne Schwierigkeiten an einem Tag lesen kann. Die Schrift ist relativ groß und die Sätze fließen nur so ineinander über. Es ist fast unmöglich, das Buch wegzulegen und ich habe kaum auf die Seitenzahlen geachtet, was ich häufiger - unbewusst - mache.

Chevalier versteht es, den Leser schnell in die Umstände des 17. Jahrhunderts hineinzuversetzen, in die Kulisse der holländischen Stadt Delft und die Standesunterschiede, die das Leben damals beherrschten.

Für mich, die ich den Film zuerst gesehen habe, haben sich durch die Lektüre des Buches noch einige Lücken geschlossen. Im Film wird die Zuneigung, die Griet und Vermeer für einander empfinden, oft körperlich dargestellt: Vermeer legt seine Hand neben ihre, oder er berührt ihr Gesicht, als er den Stoff ihrer Haube prüfen will. Im Buch ist die Beziehung der beiden viel subtiler beschrieben, viel echter. Vermeers, ja, fast Besessenheit von der Kunst tritt deutlicher hervor, sein Wesen, Dinge für seine Werke zu opfern.

Um ehrlich zu sein finde ich weder seine, noch Griets Person wirklich sympatisch. Griet erscheint ein wenig selbstgefällig und obwohl sie anderen oft hilft, ohne das zu zeigen, schien sie sich ganz toll vorzukommen. Genauso in Vermeers Atelier, wo sie ein Stück Stoff anders drapiert und Vermeer die Änderung übernimmt. Auch, dass in ihrem Portrait ein Ohrring fehlt erkennt sie natürlich auf den ersten Blick, der Maler selbst hingegen braucht mehrere Tage dafür. Aber seis drum - ein Buch soll ja nicht so geschrieben werden, dass jeder jeden Charakter mag.

Die Geschichte wird aus Griets Sicht als Ich-Erzählung erzählt. Ich halte das für eine gute Wahl, weil so über Vermeers Beweggründe stets nur spekuliert werden kann. Ich finde es faszinierend, wie Chevalier es geschafft hat, solch eine große Geschichte mit verhältnismäßig wenig Worten darzustellen. Ohne viele Erklärungen werden die Verhältnisse im Hause Vermeer dargelegt, die Charaktere und die Absichten. Neben dem, was offensichtlich ist, fließt immer ein unsichtbarer Strom der Emotionen. Ich hoffe, ich verrate nicht zu viel wenn ich schreibe, dass ich nach dem Lesen viel weniger enttäuscht darüber war, dass sich zwischen Griet und Vermeer keine Affäre entspinnt, als ich das im Film war. Im Buch ist das einfach nicht möglich und es ist von Anfang an klar, wieso, ohne dass ich das exakt begründen könnte.

Insgesamt halte ich das Werk für eines, das man gelesen haben muss und ich vergebe 5 von 5 Wolken.

Der Film ist übrigens auch sehr empfehlenswert - tolle Schauspieler, wunderschöne Kulisse und bewegende Musik. Er weicht zwar hin und wieder von der Vorlage ab, enthält im Kern aber genau die Geschichte. Zum Beispiel fehlen Griets Schwester Agnes und Griets Besuche in der Lehrwerkstatt ihres Bruders. Ebenso fehlt ein Freund Vermeers und die Beweggründe, warum Cornelia Griet nicht leiden kann, werden anders dargestellt. Dennoch ist es auch hier gelungen, in nur 90 Minuten ein Meisterwerk zu schaffen

Kommentare:

  1. Ich habe den Film damals in der Schule gesehen und fand ihn so schon interessant; ich glaube, das Buch landet auf meinem SuB! :D
    Schöne Rezi :)

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  2. Ich hab das Buch auch schon gelesen und kann dir nur zu stimmen! Es ist wirklich toll und man sollte es gelesen haben.
    Mir persönlich gefällt es viel viel besser als der Film!
    Liebe Grüße,
    Clara-J

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)