Samstag, 27. Oktober 2012

"Der gelbe Vogel" von Myron Levoy

Zu meiner Ausgabe:

Verlag: dtv pocket (2011/1984)
Format: TB, 191 Seiten
ISBN: 978-3-423-07842-9
Preis: 5,95 € [D] 
Originaltitel: "Alan and Naomi" (1977)

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Inhalt:

Nachdem Naomi mit ansehen musste, wie ihr Vater von Nazis erschlagen wurde, zieht sie mit ihrer Mutter nach New York. Sie spricht nicht und reißt andauernd Papier in Fetzen. Der zwölfjährige Alan wohnt im selben Haus und wird gebeten, sich mit Naomi anzufreunden, um sie ins normale Leben zurückzuholen. Die erste Annährung geschieht über Bauchrednerpuppen und schließlich fasst Naomi auch Vertrauen zu Alan selbst. Gleichzeitig hat Alan Probleme mit der Pubertät, ist hin und her gerissen zwischen freundschaftlichen Gefühlen für Naomi und dem, was andere von ihm halten können. Er gerät in Streit mit seinem besten Freund und dann wird auch noch Naomi brutal mit der Vergangenheit konfrontiert...

Meine Meinung:

Ich sollte dieses Buch im Rahmen eines Seminars zum Thema Lesesozialisation lesen. Es wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und wird wohl recht häufig im Unterricht verwendet. In dieser Hinsicht gefällt mir besonders die Vielschichtigkeit des Romans:

Im Vordergrund stehen der Zweite Weltkrieg, die Verbrechen der Nazis an Juden und die gravierenden Folgen für die Opfer. Es behandelt die Themen Angst und Traumata einfühlsam und zeigt, wie wichtig vor allem nichtärztliche Hilfe von außen ist. Gleichzeitig thematisiert das Buch die Schwierigkeiten und inneren Konflikte, die die Pubertät mit sich bringt und die Folgen menschlicher Grausamkeit. Es zeigt auch, was unbedachte Äußerungen von Kindern anrichten können, was ich bei Jugendbüchern besonders wichtig finde.

Mir gefällt, wie es dem Autor auf knapp 190 Seiten gelungen ist, so viele wichtige Aspekte zu verbinden und altersgerecht zu gestalten. Ich glaube, dass dieses Buch keinen kalt lassen kann. Jugendliche können sich, denke ich, an vielen Stellen in dem Buch erkennen, vor allem in Bereichen Jungs-Mädchen-Kontakte und Mobbing bzw. Gewalt, was die Selbstreflexion fördert. Aber auch an Erwachsene geht der Appell: Wer hat nicht schon schlecht über andere gedacht und vorschnell geurteilt, ohne Hintergründe zu kennen? Gibt es jemanden in meinem Umfeld, der meine Hilfe braucht?

Thematisch halte ich das Buch für sehr gut geeignet für die Schule. Mich persönlich haben aber zwei Dinge gestört: Zum Einen die Dialoge zwischen den Erwachsenen und Alan und seinen Eltern bzw. der Lehrerin. Dass sie konstruiert auf mich wirken, wäre das falsche Wort, sie wirken im Gegenteil auffällig so, als sollten sie familiär klingen, doch das ließ sie in meinen Ohren sehr fremd wirken. Vielleicht ist dieser Umstand der Entstehungszeit des Buches geschuldet, oder auch der Übersetzung. Gleichzeitig könnte man diesen Aspekt natürlich auch als beabsichtigte Anspielung auf verschiedene Herkünfte und Sprachgewohnheiten verstehen, die dem Leser gesellschaftliche oder generationenbedingte Unterschiede verdeutlichen sollen, und zeigen, dass wir dennoch alle gleich sind.

Zum Anderen, und das ist die schwerwiegendere Kritik, war ich erschrocken darüber, welche Aufgaben Alan teilweise aufgebürdet werden, weil Naomis Arzt dies oder jenes für wichtig hält. Natürlich muss man Kindern manchmal einen Schubs in die richtige Richtung geben und ich halte es auch für richtig, Kindern soziale Aufgaben aufzutragen. Aber hier werdem dem Zwölfjährigen teilweise zu schwere Aufgaben zugemutet, erkennbar an der Niedergeschlagenheit und Verstörtheit, mit der er auf Erfolgslosigkeit und Rückschläge reagiert. Das dramatische Ende des Buches schlägt ebenfalls in diese Kerbe und man könnte zu dem Schluss kommen, dass ohnehin alles egal sei und man im Endeffekt nichts ändern könne.

Auch über die Titel lässt sich streiten. Nachdem ich den deutschen Titel in einer kleinen Szene gegen Ende des Buches wiedererkannt habe, habe ich mich gefragt, warum das Buch danach benannt wurde und bin zu keinem Schluss gekommen. Es ist nämlich ein gelbes Modellflugzeug, das Naomi "Gelber Vogel" nennt. Kurz kam mir der Gedanke, es hätte vielleicht mit dem gelben Judenstern und der gewünschten Freiheit, symbolisiert durch den Vogel, zu tun. Falls das so ist, ist das aber wohl eine Idee des Übersetzers, denn der Originaltitel lautet ja so schlicht und einfach "Alan and Naomi" (was ich noch nichtssagender finde). Aber ein Buch steht und fällt ja nicht mit dem Titel, also seis drum.

Ich vergebe 4 von 5 Wolken für dieses Buch. Ich halte es mit entsprechenden weiterführenden Aufgaben für ein als Klassenlektüre geeignetes Buch, würde es aber eher in höheren Klassenstufen lesen.

1 Kommentar:

  1. Sehe ich genauso die kritik! Wir haben das buch auch in der schule gelesen und es hat mich wirkluch sehr berührt!!

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)