Samstag, 6. Oktober 2012

"Gute Geister" von Kathryn Stockett

"Mae Mobley ist im August 1960 geboren, an einem Sonntag in der Früh. Ein Kirchzeitkind, wie wir sagen. Weiße Babys zu versorgen ist meine Arbeit, mitsamt dem ganzen Kochen und Putzen. Siebzehn Kinder hab ich in meinem Leben aufgezogen. Ich weiß, wie man's macht, dass die Kleinen einschlafen, nimmer weinen und aufs Klo gehen lernen, eh ihre Mamas am Morgen auch nur aus dem Bett kommen."




"Gute Geister" von Kathryn Stockett

Verlag: btb (September 2012)
Format: TB, 604 Seiten inkl. Danksagung und Worten über die Autorin
ISBN: 978-3-442-74508-1
Preis: 9,99 € [D] 
Originaltitel: "The Help" (2009)

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Klappentext


Jackson, Mississippi, 1962: Drei außergewöhnliche Frauen brechen mit allen Konventionen. Sie haben das Gefühl zu ersticken und wollen etwas verändern - in ihrer Stadt und ihrem eigenen Leben.


Inhalt


Die 23-jährige Farmerstochter Eugenia, von allen nur Skeeter genannt, ist das Sorgenkind ihrer Mutter: Zu groß, zu lockiges Haar, zu vorlaut. Es wundert sie nicht, dass sie noch keinen Mann gefunden hat, während all ihre Freundinnen schon verheiratet sind und Kinder haben. Doch Skeeter hat andere Pläne, möchte mit dem Schreiben ihr Geld verdienen. Der Anfang ist gemacht, als sie bei einer örtlichen Zeitung die Haushaltskolummne übernehmen darf. Aber durch eine New Yorker Redakteurin kommt sie auf die Idee über das Leben und den Alltag schwarzer Dienstmädchen in Mississippi zu schreiben. Anfangs findet sie kein Dienstmädchen, das ihr helfen möchte, denn alle haben Angst vor den Konsequenzen in der konservativen Stadt. Doch als sich rassistische Ereignisse häufen, finden immer mehr farbige Frauen den Mut, sich zu äußern. Skeeter schreibt anonym, die Namen und Orte wurden geändert. Sie fühlen sich sicher, doch als das Buch tatsächlich auf den Markt kommt und ein Bestseller wird, steigt die Nervosität. Ist wirklich alles so anonym wie sie gedacht hatten? Wird jemand Verdacht schöpfen? Und vor allem: wird sich etwas ändern?


Meine Meinung


Es gibt Bücher, bei denen habe ich ein gutes Gefühl, sobald ich sie in der Hand halte. Dieses Buch war so eines und ich habe mich nicht getäuscht. Es ist schonungslos ehrlich, humorvoll, dramatisch, spannend und berührend in einem. 

Die drei Hauptpersonen des Buches sind die weiße Farmerstochter Skeeter und die farbigen Hausmädchen Aibileen und Minny. Abwechselnd wird die Geschichte aus deren Sicht erzählt. Abgesehen von dem jeweiligen Namen, der über dem Kapitel steht, ist es Stockett auch gelungen, den Schreib- bzw. Sprachstil der Person anzupassen, wodurch der Leser sich besser in den jeweiligen Charakter einfinden kann. Bei Aibileen und Minny finden sich zum Beispiel oft Wortabkürzungen wie "hab" und "mach", außerdem sind die Gedanken und Äußerungen manchmal recht derb, während die Kapitel aus Skeeters Sicht "gewählter" klingen. 

Als Skeeter mit ihrer Arbeit beginnt, ist sie zunächst noch sehr blauäugig die Gefahr betreffend, in die sie sich alle begeben. Ihr ist die Tragweite des Projektes nicht bewusst und erst durch die Erzählungen der Dienstmädchen sowie die politischen und sozialen Geschehnisse in ihrer Umgebung erkennt sie, in welche Gefahr sie sich und die schwarze Bevölkerung bringt. Doch sie erkennt auch, in welcher heuchlerischen Umgebung sie sich befindet und durch die Erzählungen der Frauen, die bei Skeeters Freundinnen eingestellt sind, erhält sie intime Einblicke in deren Leben.

Mir hat sehr gut gefallen, dass Stockett die Geschichte mit wahren Begebenheiten gespickt hat. So wird zum Beispiel James Meredith erwähnt, der am 1. Oktober 1962 als erster dunkelhäutiger Student an der "Ole Miss" eingeschrieben wurde. Und die Ermordung des afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers, die tatsächlich am 12. Juni 1963 in Jackson, Mississippi stattgefunden hat, wurde von Stockett in die Nahe Nachbarschaft von Aibileen und Minny gelegt. Zusammen mit Berichten über den Marsch von Martin Luther King und anderem rückt die Geschichte, obwohl sie erfunden ist, in ein anderes Licht: Es könnte tatsächlich so passiert sein.

Es ist erschreckend, manchmal fast grotesk, zu wissen, wie es sich damals abgespielt haben könnte und in vielen Fällen wohl auch tatsächlich hat. Schwarze Frauen führen den Haushalt, kochen, sorgen für die Kinder ihrer weißen Arbeitgeber. Doch sie dürfen nicht das selbe Geschirr benutzen, geschweigedenn die Toilette. An Galaabenden wird Geld für hungerleidende Kinder in Afrika gesammelt, doch Schwarze sind von der Gesellschaft ausgeschlossen. "Getrennt aber Gleich" war der Leitspruch der damaligen Zeit, doch Schwarze werden wegen "Verfehlungen", wie die "falsche" öffentliche Toilette zu benutzen, Opfer der schlimmsten Gewaltverbrechen, ohne dass es für die Täter Konsequenzen gibt. Und wenn man sein Dienstmädchen loswerden wollte, beschuldigte man sie des Diebstahls, brachte sie ins Gefängnis und fand Wege, ihre ganze Familie in den Ruin zu treiben.

Kathryn Stockett, selbst in Jackson, Mississippi aufgewachsen, schreibt auf den letzten Seiten selbst über sich, dass sie das Leben mit schwarzen Hausangestellten nie weiter beschäftigte. "Es war einfach Alltag.", schreibt sie, und sie wünsche sich, sie wäre früher alt und verständig genug gewesen, ihr Dienstmädchen Demetrie zu fragen wie es sei, für eine weiße Familie zu arbeiten. Sie schreibt, sie maße sich nicht an zu wissen, wie es sich wirklich anfühlte, eine schwarze Frau im Mississippi der Sechzigerjahre zu sein. Sie glaube nicht, dass irgendeine weiße Frau, die am anderen Ende des Arbeitsverhältnisses stand, das je wirklich nachfühlen könne. Aber der Versuch sei unerlässlich für unsere Menschlichkeit. "Gute Geister" ist ihr Versuch.

Stockett schreibt direkt und nimmt kein Blatt vor den Mund (und es gab eine Stelle im Buch, als eine Szene im Haus von Minnys Arbeitgeberin beschrieben wird, bei der mir fast übel wurde von der äußerst genauen Beschreibung). Die Charaktere sind so genau und so realistisch gezeichnet, dass man sich fühlt, als sei man tatsächlich dort. Weniger gelungen fand ich die zeitliche Strukturierung, denn Stockett schreibt in der Gegenwart und springt auch innerhalb der Kapitel öfter in die Vergangenheit. Manchmal hat das gut gepasst, oft hat es mich aber eher verwirrt. Abgesehen davon ist der Roman aber perfekt. Das Buch hat mich durchweg gefesselt und ich vergebe verdiente 5 von 5 Wolken.


Der Film


Ich war sehr gespannt auf den Film, der nach dem Originalbuch "The Help" benannt wurde, und obwohl mir klar war, dass er nicht an das Buch würde herankommen können, war ich enttäuscht. Wie zu erwarten hielt er sich nicht genau an die Romanvorlage, doch dass so viele Änderungen und Ergänzungen notwendig sein würden, hätte ich nicht gedacht. Vor allem eine der Schlussszenen mit Skeeter und ihrer Mutter im Dialog mit der aufgebrachten Hilly wurde mehr als frei gestaltet sowie die Geschichte mit Rachel, der Tochter von Skeeters Kindermädchen. Und bei den ausgelassenen Szenen findet sich eine, die man, wie der Regisseur sagt, herausnahm, weil sonst so eine negative Endstimmung entstehen würde. Wobei gerade diese meiner Meinung nach wichtig gewesen wäre.

Auch die Angst, unter der sich alle während dem Schreiben, aber noch mehr nach der Veröffentlichung befinden, wurde nicht gut dargestellt. Es wird, finde ich, gar nicht klar, dass Aibileen, Minny und die anderen ihr Leben für diese Sache aufs Spiel setzen. Dass die Macht der "weißen Ladys" viel weiter reicht, als man glauben könnte.

Der Film ist unterhaltsam, das schon, und man hat auch mit vielen realen Dingen wie Videoaufnahmen und Radiosendungen gearbeitet, die auch nicht übersetzt wurden, was ich gut finde. Wenn man aber das Buch kennt, dann ist der Film eher schwach, wenn auch mit brillianten Schauspielerinnen.

Kommentare:

  1. Supertolles Buch, supertoller Film !

    ...und superschöner Blog ;)
    Da musste ich dir einfach diesen Award verleihen:

    http://librarianlizard.blogspot.ch/2012/10/da-hat-mich-wieder-nen-award-erwischt.html

    Lg und fröhliches Lesen

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  2. Hey :)

    Das Buch hab ich zwar nicht gelesen, aber den Film hab ich mir ein bisschen angeschaut. Fand ihn ganz gut gemacht :)

    Bin grad mal Leserin geworden. Würd mich freuen, wenn du auch mal bei mir vorbeischaust und vielleichst magst du ja auch an meinem Gewinnspiel zu "Unearthly 01" mitmachen :)

    LG

    Sandra

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  3. Hallo Jacy,

    danke für deinen Blogkommentar - hier kommt der Gegenbesuch. :)
    Ich habe nur den Film von "Gute Geister" gesehen und weiß nicht, ob ich mich nachträglich an das Buch wagen soll. Eigentlich kommen ja die Filme (fast) nie an die Romanvorlagen heran...

    LG
    Sabine

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)