Freitag, 19. Oktober 2012

"Living Dolls" von Natasha Walter

"Dass es einmal so weit kommen würde, hätte ich nicht gedacht, schoss es mir durch den Kopf, als ich mich vor einiger Zeit in einem Londoner Spielwarengeschäft umsah. Aus der bunten Betriebsamkeit des Erdgeschosses mit seiner Überfülle an knuddeligen Stofftieren in warmen Farben war ich mit der Rolltreppe nach oben gelangt, hinauf in die Traumwelt des dritten Stocks. Es kam mir vor, als hätte mir jemand eine rosa Brilla aufgesetzt, doch das, was ich sah, löste in mir eher Übelkeit als Entzücken aus. Alles war rosa, [...]"


"Living Dolls" von Natasha Walter

Verlag: Fischer (Juni 2012)
Format: TB, 331 Seiten inkl. Quellen, Dank und Adressen
ISBN: 978-3-596-18996-0
Preis: 9,99 € [D] 
Originaltitel: "Living Dolls - The Return of Sexism" (2010)

☁ ☁ ☁ ☁



Klappentext


Warum gibt es fast nur noch rosa Spielzeug für Mädchen, warum tragen schon kleine Kinder Kleidung mit eindeutig sexuellen Botschaften? Woran liegt es, dass Mädchen und Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten Bestätigung darin suchen, sich in Castingshows öffentlich demütigen zu lassen? Ist das Teil der sexuellen Befreiung, oder geht es darum längst nicht mehr?

Inhalt


Mit ihrem Buch "Living Dolls - Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen" versucht Natasha Walter, eine der renommiertesten und bekanntesten Feministinnen Großbritanniens, zu ergründen, wie es in unserer Gesellschaft so weit kommen konnte, wo sich doch Tausende von Frauen im ausgehenden letzten Jahrhundert für eine andere, bessere Welt einsetzten. Nach einer Einleitung, die sie mit eigenen Erfahrungen in der Konsumwelt beginnt, geht sie in Teil 1 "Der neue Sexismus" auf sechs Themen unserer Gesellschaft ein, an denen sich der Sexismus deutlich zeigt.  Die Kapitel heißen zum Beispiel "Jung und süß", wo sie auf die Problematik der Anforderungen, die schon an ganz junge Mädchen gestellt werden, eingeht, "oder "Pornographie". Im zweiten Teil des Buches, "Der neue Determinismus", erörtert sie in vier Kapiteln, wie angeblich wissenschaftliche und unabhängige Studien die Unterschiede zwischen Frauen und Männern belegen. Untermauert sind ihre Aussagen und Quellen mit Fußnoten, die man am Ende des Buches nachschlagen kann. Dort finden sich auch Adressen zur weiteren Vertiefung.

Meine Meinung


Ich habe das Buch mit großem Interesse aber auch mit ständigem Kopfschütteln gelesen: ich konnte es garnicht glauben, was uns die moderne Wissenschaft alles weismachen will, wo sie doch selbst unzulänglich oder voreingenommen arbeitet, und wie viel davon wir ihr glauben.

Zunächst erfährt der Leser von alltäglichen Ansichten über die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, über Sex als käufliche Leistung und über Pornographie. Es wird aufgezeigt, wie junge Mädchen heutzutage ihren Körper sehen und wie sie sich von der Außenwelt unter Druck gesetzt fühlen, so oder so zu sein, dieses oder jenes zu machen. Walter lässt sowohl Pro- als auch Contra-Stimmen zu Wort kommen, wobei sich herauskristallisiert, dass viele Contra-Stimmen sich auf das angebliche Gesetz der Freiwilligkeit berufen. Frauen, die ihren Körper verkaufen, tun das freiwillig. Mädchen, die schon mit 13 Jahren ihr Erstes Mal erleben tun das freiwillig. Walter beleuchtet kritisch: Ist das wirklich so? Ist das ein Zeichen der weiblichen Freiheit?

Im zweiten Teil wird der Leser von Versuchen und Studien überschwemmt, die den biologischen Determinismus unterstützen, also die Annahme, dass alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf den Genen beruhen und demnach auch nicht geändert werden könnten. So sei es absolut natürlich, dass sich Männer für Zahlen und Dinge interessieren, währen Frauen mehr an Beziehungen und Gefühlen gelegen ist. Walter zeigt auf, wie sehr sich die Medien auf diejenigen Belege stürzen, die diese Vorstellung unterstützen, auch wenn die Zahl der Versuche, die das Gegenteil oder schlicht garnichts beweisen, weit größer sind.

Dem Leser wird die Manipulation durch die Gesellschaft bewusst und man ertappt sich dabei, wie man selbst an einigen althergebrachten Rollenmodellen festhält. Es gibt sogar Tests, die beweisen, dass sich Probanden anders verhalten, wenn vorher angebliche frühere Testergebnisse bekanntgegeben werden oder wenn ihnen genau gesagt wird, was das Ziel der Studie ist. Zum Beispiel schlossen Frauen in einem Mathetest schlechter ab, wenn zuvor behauptet wurde, dass Frauen bisher immer schlechter abgeschlossen hatten als die Männer. Frauen drängten sich demnach gerade zu in das Stereotyp, das ihnen vorgegeben wurde, was natürlich das Ergebnis beeinflusst. 

Ebenso wird deutlich, dass noch lange keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen herrscht, was an einem Versuch mit Videos belegt wurde, bei dem männliche und weibliche Berufsbwerber beim Vorstellungsgespräch um höheres Gehalt verhandeln wollten. Das Ergebnis: Männer zeigten stets weniger Bereitschaft, mit einer Frau zusammenzuarbeiten, die zu verhandeln versucht hatte (S.270). Auch daran, welche Kritik Frauen in hohen Führungspositionen hinsichtlich ihres äußeren Erscheinungsbildes entgegengebracht wird, zeigt sich, dass es noch ein langer Weg zur Gleichberechtigung ist.

Ich kann das Buch nicht hinsichtlich seines Wahrheitsgehaltes beurteilen. Die Quellen scheinen alle einwandfrei, doch ich habe sie natürlich nicht geprüft. Ich stimme auch nicht mit allem überein, was Walter vorbringt, doch ich habe das Buch gerne und großteils zustimmend gelesen. Trotz der vielen Quellen und wissenschaftlichen Belegen liest sich das Buch recht flüssig. Manchmal ergeht sich Walter in Wiederholungen, die jedoch der Thematik geschuldet und verkraftbar sind. Ein weiterer  Knackpunkt ist, dass sich Walters Arbeit hauptsächlich auf Großbritannien bezieht. Aber die Problematik endet ja nicht an den Ländergrenzen. Viele der genannten Werke wurden von der Übersetzerin auch mit dem deutschen Titel angegeben und auch einige der hinten aufgeführten Adressen sind deutsch, so dass man sich als deutsche/r Leser/in nicht fehl am Platz fühlt.

Das Buch legt zwar sein Hauptaugenmerk auf die Situation der Frauen, doch dadurch ergibt sich gleichzeitig auch ein Rollenklischee für die Männer. Deshalb halte ich dieses Buch für ein tolles und wichtiges Werk für Frauen und Männer, die sich nicht in angebliche biologisch festgelegte Rollen drängen lassen möchten.

Ich vergebe 4 von 5 Wolken.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)