Dienstag, 30. Oktober 2012

"Über uns Stille" von Morton Rhue

"Ich schrecke aus dem Schlaf. Jemand rüttelt mich grob an der Schulter, dann höre ich Dads Stimme: „Aufwachen, Scott! Steh auf! Schnell!“ Im Zimmer brennt Licht. Meine innere Uhr sagt mir, dass es mitten in der Nacht ist. „Was ist denn los?“ „Wir werden angegriffen.“"


 "Über uns Stille" von Morton Rhue

Verlag: Ravensburger (Mai 2012)
Format: HC, 240 Seiten
ISBN:978-3-473-40081-2
Preis: 14,99 € [D]
Originaltitel: "The Bomb"

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Inhalt


Amerika, zur Zeit der Kuba Krise. Scotts Vater lässt im Garten eine Atomschutzbunker bauen und wird dafür von allen als verrückt erklärt. Doch als es wirklich zur Katastrophe kommt, können sich nicht nur Scott und seine Familie in den Bunker retten, auch ein paar der Nachbarn verlangen Einlass und gerade noch rechtzeitig wird die Luke geschlossen: Die Atombombe der Russen explodiert. Während der nächsten Tage wird die Stimmung im Bunker immer angespannter. Die Vorräte werden knapp, da Scotts Vater nur für 4 Personen vorgesorgt hat. Sie müssen um das Wasser bangen und um die Zukunft. Zudem ist Scotts Mutter schwer verletzt und nicht ansprechbar. Alle quälen sich mit Fragen. Wie sieht es oben aus? Wäre es besser gewesen, wie alle anderen zu sterben? Gibt es überhaupt noch eine Zukunft?


Meine Meinung


Mit „Über uns Stille“ verknüpft Morton Rhue Realität und Fiktion, was dem Buch eine besondere Atmosphäre verleiht. Die Geschehnisse ereignen sich in Amerika zur Zeit der Kuba Krise, während der es jedoch zum Glück nicht zu einer solchen Katastrophe gekommen ist. Dennoch hat man beim Lesen die ganze Zeit im Hinterkopf: Es hätte sich wirklich so abspielen können.

Gleich mit den ersten Worten wird der Leser voll ins Geschehen geworfen, siehe Zitat des Buchanfangs ganz oben. Man fiebert mit, als der der Alarm ertönt und alle voller Todesangst versuchen, rechtzeitig in den Keller zu kommen. Die Panik ist geradezu greifbar. Und in der Zeit zwischen dem gleißenden Atomblitz und der Druckwelle, die Scott wie das entfernte Tosen eines Hurrikans beschreibt, hält wohl jeder den Atem an.

Die kurzen Kapitel wechseln zwischen dem Jetzt im Bunker und der kurzen Zeit vor der Katastrophe ab. Vor der schicksalhaften Nacht ist der 12-jährige Scott ein ganz normaler Junge. Wie seine Umgebung lebt er im Bewusstsein der Bedrohung des Krieges und auch in der Schule werden immer wieder Schutzübungen abgehalten. Für seinen Freund Ronnie ist das Anlass genug, ihn zu allerhand Unfug anzustiften – schließlich könnten sie morgen schon tot sein. Rhue skizziert den Alltag eines Teenagers zu der damaligen Zeit, der trotz allem Optimismus der Erwachsenen von Angst und Unsicherheit geprägt ist. Durch die Ich-Perspektive, aus der Scott seine Sicht der Dinge schildert, fühlt man sich mittendrin anstatt nur als Beobachter und durch das Hin und Her von Gegenwart und Vergangenheit erzeugt Rhue besonders große Spannung.

Die Zeit, die die zehn Menschen im Bunker verbringen, ist erschreckend realistisch beschrieben. Sie wissen nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Sie sind hin und her gerissen zwischen Erleichterung und Reue, fragen sich, ob es nicht besser wäre, tot zu sein. Sie verbringen die Zeit mit Gesellschaftsspielen, Schlafen und Nachdenken. Nahrung und Wasser werden genau rationiert und als das Toilettenpapier zur Neige geht, wird die wenige Kleidung in Streifen gerissen. Toilettengang und Nacktheit, was zuvor fast schon Tabuthemen waren, werden im Bunker Normalität. Durch die Anspannung und Gereiztheit der Menschen entstehen Auseinandersetzungen, die eigenen Ängste werden als Wutausbrüche nach außen projiziert. Der Leser fühlt sich, als befände er sich selbst im Bunker – man kann die Stimmung dort unten sehr gut nachvollziehen.

Ich entdeckte jedoch auch ein paar Punkte im Buch, die mir nicht so gefallen haben. Zum Beispiel die Ausstattung des Bunkers. Wenn ich einen Bunker bauen würde und eine reelle Bedrohung vor der Haustür hätte, würde ich ihn viel besser ausstatten und vor allem mehr haltbare Nahrungsmittel dort deponieren. Des weiteren gefällt mir der Schluss des Buches nicht besonders. 50 Jahre nach der Bombe leben wieder Menschen in der Stadt und alle verhalten sich ganz normal. Sicher, die Wiedernutzung von solchem Gelände ist nach dieser Zeit grundsätzlich wieder möglich, trotzdem suggeriert das relativ nüchterne Ende irgendwie eine Gleichgültigkeit, so nach dem Motto: 50 Jahre warten, dann ist alles wieder gut. Mir hätte es besser gefallen, wenn Rhue das Gebiet als immer noch unbewohnbar beschrieben hätte.

EDIT: In einem Kommentar wurde ich darauf hingewiesen, dass das Ende des Buches keine Fiktion ist, sondern der tatsächliche Bericht des Autors, der in das Haus, in dem er als Kind gelebt hat und in dem es tatsächlich einen Bunker gab, zurückkehrt. Das erklärt natürlich einiges und wirft ein anderes Licht auf das Ende. Ich hatte die Signatur "Morton Rhue im Dezember 2011" einfach als Unterzeichnung des Buches verstanden und nicht als Beleg dafür, dass die letzten Seiten real sind. Danke für den Hinweis! Ich denke, dass viele Leser das Ende missverstanden haben, Rhue hätte das vielleicht besser kennzeichnen sollen...

Trotzdem halte ich das Buch für ein besonders wichtiges Jugendbuch, wie übrigens alle Bücher, die jugendgerecht mit diesem Thema umgehen. Ich vergebe 4 von 5 Wolken. Vielen Dank an Blogg dein Buch und den Ravensburgerverlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars!

Kommentare:

  1. Hallo Little Miss Kopf-in-den-Wolken :-)

    ich fürchte, Toss Strasser/Morton Rhue hat im letzten Kapitel nicht klar genug gemacht, dass das nicht das Ende der fiktiven Geschichte ist, sondern ein in der Realität stattfinderer Besuch als erwachsener Mann in dem Haus, in dem er als Kind gelebt hat. Den Bunker hat es so nämlich tatsächlich gegeben – sein Vater hat den damals wirklich gebaut, aber dann zum Glück nie benötigt. Das Buch ist insofern auch eine Aufarbeitung seiner eigenen Kindheit ...

    LG Kata

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  2. Hey (:

    Naja, das würde natürlich einiges erklären.. Vielen Dank für den Hinweis! Hab gleich ein Edit in meinen Post eingefügt.

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)