Sonntag, 11. November 2012

"Wir sind doch Schwestern" von Anne Gesthuysen

"Er war dunkelgrau mit hellgrauer Maserung und sah aus wie Wolken an einem dieser undefinierten Sommertage, die man am Niederrhein so oft erlebte. Katty beugte sich tiefer ins Innere des alten Schrankes, um den merkwürdigen Pappdeckel herauszuziehen. "Au, verflixt!" Sie fluchte und steckte sich wütend den Finger in den Mund, saugte an der kleinen Wunde und schüttelte die Hand. Das alte Holz war porös, jetzt hatte sie einen Splitter in der Haut."


"Wir sind doch Schwestern" von Anne Gesthuysen

Verlag: KiWi (November 2012)
Format: HC, 406 Seiten
ISBN: 978-3-462-04465-2
Preis: 19,99 € [D] 

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Inhalt


Um Gertruds 100. Geburtstag zu feiern kommen die Schwestern Gertrud, Paula und Katty auf Kattys Hof zusammen. Gemeinsam können sie auf über 280 Lebensjahre zurückblicken und jede hat ihre eigenen Erinnerungen und trägt ein Geheimnis mit sich herum. Wäre es nicht an der Zeit, sich auszusprechen? Was geschah wirklich während den letzten Kriegsjahren auf dem Tellemann-Hof? Und wie kam es zu der bösen Scheidung, deren Aktenordner Katty immer noch aufbewahrt? 

Meine Meinung


Das faszinierende an diesem Buch ist, dass es auf wahren Tatsachen beruht. Die Autorin hat das zusammengetragen, was man sich über ihre Großtanten erzählt und was sie an Indizien finden konnte. "Dieser Roman ist also kein Dokument der Wahrheit, wohl aber ein wahrhaftiges Dokument der Familiengeschichten." schreibt sie in ihrem Nachwort. Es übt auf mich immer einen besonderen Reiz aus, wenn Romane wahre Geschichten oder zumindest Fragmente davon wiedergeben.

Das Buch spielt in der Gegenwart, als sich die Schwestern Gertrud, Paula und Katty kurz vor dem 100. Geburtstag der Ältesten zusammenfinden, und lässt durch ständige Rückblicke die Lebensgeschichte der Frauen entstehen. Mal erinnert sich die eine, mal die andere, und immer wieder führt Gesthuysen in die Gegenwart zurück, wo Protagonisten und Leser das Erfahrene noch einmal aus einem anderen Blickwinkel beleuchten. Kernpunkt ist der Tellemann-Hof, der die Schicksale der Schwestern verbindet.

Der Schreibstil ist flüssig und verständlich. Manchmal vielleicht ein wenig zu knapp, denn obwohl es hochdramatische Szenen im Roman gibt, wird man nicht bis zu Tränen gerührt, wie es andere Bücher vermögen. Außerdem hatte ich (mal wieder) Schwierigkeiten mit den Zeitsprüngen, die nicht chronologisch verlaufen. Ich brauchte bei jedem neuen Sprung Zeit, um wieder reinzukommen.

Das Buch bietet eine große Bandbreite an Themen. Man erfährt über das Leben auf dem Land Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts. Standesdünkel, finanzielle Probleme sowie Not in Kriegszeiten werden beschrieben. Außerdem gibt es interessante Einblicke in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, in Kriegsgefangenschaften und den Wiederaufbau der Politik nach Kriegsende.

Die Charaktere sind einzigartig und wunderbar beschrieben. Jeder Charakter hat seine Makel, teilweise sogar recht große, und trotzdem bringt man für fast jeden der genannten Charaktere Verständnis und Sympathie für sie auf. Vor allem für die Schwestern, die alle mit verschiedenen Alterserscheinungen zu kämpfen haben, dadurch aber nicht ihren Humor und ihre Streitlust verloren haben. Ein gelungenes Buch für das ich 4 von 5 Wolken vergebe. Vielen Dank an vorablesen und den KiWi-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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