Mittwoch, 5. Dezember 2012

"Nell" von Mary Ann Evans

"Bitte stellen Sie sich das Gesicht eines Kindes vor. Das Kind liegt im Bett, zum Schlafen bereit, aber hellwach. Ein prickelndes Gefühl der Aufregung und Erwartung summt in ihm un hält den Schlaf fern. Es ist ein kleines Mädchen, nicht älter als fünf Jahre. Ihr herzförmiges Gesicht wird beleuchtet von dem schwachen Lichtschein aus dem Korridor."


"Nell" von Mary Ann Evans

Verlag: Heyne (1995)
Format: TB, 254 Seiten
ISBN: 3-453-08960-X
Originaltitel: "Nell" (1994)

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Inhalt


Nach dem Tod einer Einsiedlerin in den Wäldern Nahe Seattle entdeckt man, dass sie eine Tochter gehabt hat: Eine fast 30 Jahre alte Frau, scheinbar verwildert und authistisch. Schnell reißen sich die Psychologen um sie, doch der Allgemeinarzt Jerry Lovell hält Nell für geistig völlig gesund und kämpft dafür, dass sie in ihrer natürlichen Umgebung bleiben darf. Gegen die Psychologin Paula Olsen beginnt er einen Wettkampf um Erkenntnisse über Nell und erst spät begreifen beide, dass Nell dabei ist, ihnen zu helfen und sie eine Menge von ihr lernen können.

Meine Meinung


Das Buch basiert auf dem Drehbuch zum gleichnamigen Film, der wiederum auf dem Theaterstück "Idioglossia" beruht. Ich war skeptisch gegenüber solchen Büchern, nachdem ich mit "Mona Lisas Lächeln" so schlechte Erfahrungen gemacht habe, doch dieser Roman ist grandios. Er hält sich eng am Drehbuch und wer den Film kennt, sieht ihn vor seinem geistigen Auge ablaufen. Gleichzeitig schafft er es, noch kleine aber feine Details hinzuzufügen, die im Film nicht untergebracht wurden.

Der Roman liest sich leicht und flüssig, trotz der unterschwelligen psychologischen Ansätze. Die Entwicklung der Hauptcharaktere Jerry und Paula sowohl zu Nell als auch zueinander ist faszinierend und obwohl sehr starke Wandlungen geschehen, absolut nachvollziehbar. Auch die Gründe für Nells Ängste und ihr Verhalten allgemein klären sich nach und nach auf so dass man das Gefühl hat, selbst am Klärungsprozess beteiligt zu sein. Und der Humor kommt zum Glück auch nicht zu kurz, ich musste an einigen Stellen grinsen.

Manchmal gerät man ins Grübeln wenn man liest, dass der einzige Computer im Amerika der 80er/90er Jahre in einer Bibliothek zu finden ist, dass es keine Handys gibt und man für Recherchen, die heute mit einem Mausklick erledigt sind, kilometerweit fahren muss. Wie schnell sich die Welt doch gewandelt hat! Gleichzeitig erkennt man den Wert, den Nells einfaches aber glückliches Leben besitzt. Besonders ihre Aussagen am Schluss im Gerichtssaal regen zum Nachdenken an:
"Do lena rona din..." sagte sie zögernd. "Sie wissen große Dinge", übersetzte Lovell. Nell beugte sich vor und ergriff die Kante des Standes. "Do nit sin ana ug." "Aber sie sehen einander nicht in die Augen." "Un won trone-trone." "Und sie hungern nach Ruhe." (S. 249)
Buch wie Film zeigen außerdem deutlich, wie sehr die Menschen das ablehnen, was anders ist, die Lebewesen als minderwertig ansehen, die eine Sprache sprechen, die sie nicht verstehen und ein Leben führen, das sie nicht begreifen. Und sie zeigen, wie unrecht sie damit haben.

Etwas unsicher war ich mir über die Darstellung von Nells Sprache, zusammengewürfelt aus dem, was sie von ihrer Mutter gelernt hat, die halbseitig gelähmt war und somit nur schwer sprechen konnte, sowie der Geheimsprache, die Geschwister untereinander entwickeln. Ich weiß nicht, ob man die Sprachfragmente übersetzt hat, kenne das englischsprachige Original nicht. Daher konnte ich selbst am Ende der kurzweiligen Lektüre manche Worte nicht erraten. Andere wiederum waren nach einer Weile gut verständlich. Beim Film hatte ich viel mehr das Gefühl, eine teilweise bekannte Sprache (Deutsch) zu erkennen. Das hat mich aber beim Lesen nicht gestört, da ohnehin das meiste "übersetzt" wird.

Ich vergebe 5 von 5 Wolken.

Der Film

Der Film "Nell" mit Jodie Foster erschien 1994 und basiert, wie bereits erwähnt, auf dem Theaterstück "Idioglossia". Er spielte Millionen US-Dollar ein und Foster wurde mehrfach für ihre herausragenden schauspielerischen Leistungen nominiert und gerühmt. Sie spielt so überzeugend und so herzzerreißend - einfach genial. Da das Buch nach dem Drehbuch geschrieben wurde, hält es sich sehr nah am Film, aber wie schon gesagt gefällt mir die Umsetzung des "Nellisch" dort besser, ich habe viel mehr wieder erkannt.

1 Kommentar:

  1. Wow, ich hab weder vom Film, noch vom Buch, noch vom Theaterstück jemals gehört - doch dein Review hat gerade meine Neugierde geweckt - ich glaube, das Buch setz' ich direkt auf meine Wunschliste.... :D

    Danke für's rezensieren! =)

    Alles Liebe,
    Enana

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)