Dienstag, 19. Februar 2013

"Angélique" von Anne Golon

"Strahlend ging der Stern Angéliques am Hofe Ludwigs XIV. auf. Sie war kein Mädchen mehr, eine Frau in der reifenden Schönheit des frühen Sommers, mit blaugrünen Augen, goldfarbenem Haar und dem gesunden, geschmeidigen Körper eines edlen Tiers. Aber eins vor allem machte den seltsamen Reiz ihres Wesens aus, dem so viele erlagen: daß um sie ein Geheimnis war, zu dem das Leuchten des Glücks ebenso gehörte wie der Schatten des Unheils."

"Angélique" von Anne Golon

Verlag: Rowohlt (August 1975)
Format: TB, insgesamt 800 Seiten, auch als Gesamtausgabe erhältlich
ISBN: 3 499 11883 1 und 3 499 11884 x
Originaltitel: "La Marquise des Anges" (1956)

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Inhalt:

Angélique, die Tochter eines verarmten Adligen, wächst im Frankreich zur Zeit des Königs Ludwig XIV. auf und gerät wider Willen in eine Intrige, deren Kreise ihr ganzes Leben bestimmen werden. Der erste Teil der Romanreihe beschreibt ihre Kindheit sowie die ersten Jahre ihrer Ehe mit dem geheimnisvollen Grafen Peyrac. Die Heirat war arrangiert, doch mit der Zeit lernt Angélique ihren Mann zu lieben. Umso schlimmer trifft sie der Schlag, der die junge Familie trennt. Angélique fällt tief in den Schmutz, aber sie schwört sich, wieder aufzusteigen, damit ihre Kinder nie mehr Angst und Hunger leiden müssen. Und für dieses Ziel nimmt sie einiges auf sich...

Meine Meinung:

Anfangs war ich skeptisch, was diesen Roman und die ganze Buchreihe betrifft, die ich mir für die nächsten Wochen vorgenommen habe. Das Buch beginnt mit Beschreibungen der Politik der Zeit Angéliques, nennt viele Französische Namen und die verworrenen Beziehungen der Personen untereinander, die im Verlauf des Buches immer zahlreicher werden. Außerdem ist es immer wieder von etwas langatmigen aber glücklicherweise kurzen Passagen durchzogen, dennoch hat mich der Roman mitgerissen und begeistert.

Besonders gefällt mir die Sprache, die zur Zeit der Ersterscheinung noch üblich war und sehr gut zu der Geschichte passt. Mir ging es schon bei "Vom Winde verweht" so, dass ich das Gefühl hatte, die Romane der heutigen Zeit kämen qualitativ und quantitativ nicht an alte Bücher heran. Man muss sich nur mal die Seiten anschauen: dicht bedruckt und mit kleiner Schrift, die an den Rändern jeweils nur 0,5 cm Platz lassen - da hat man wirklich das Gefühl, ein Buch in der Hand zu halten! Wäre das Buch trocken und langweilig wäre ich natürlich nicht so begeistert, aber diese Geschichte kann sich ihr Erscheinungsbild wirklich leisten!

Die Person Angéliques und ihre Geschichte ist erfunden und vielleicht teilweise etwas überzogen. Dennoch besticht das Buch mit einem gut recherchierten und vielschichtigen Portrait der Menschen der damaligen Zeit. Der Leser findet sich in baufälligen Anwesen und in prächtigen Schlössern wieder, auf kalten und schmutzigen Pariser Straßen und in verqualmten Schenken. Er erlebt das Leben von reichen und armen Frauen, von Dieben und Betrügern, von mächtigen und von enteigneten Adligen. Es wird nichts beschönigt und dennoch spürt man einen eigenartigen Anflug von historischer Romantik, die sich in den Zeilen versteckt.

Teilweise war es gar nicht so leicht, sich in dem Netz aus Intrigen zurecht zu finden, das alles umspannt, aber gerade deshalb erscheint die Geschichte so echt. Ich zweifle nicht, dass ein Leben wie das Angéliques zur damaligen Zeit so ähnlich stattgefunden haben kann und dass die Zeit bestimmt war von Intrigen, Heuchelei und Giftmorden, Inquisition, Aberglaube und Liebesaffären.

Die Authentizität, die mir so gefallen hat, birgt jedoch gleichzeitig eine Tatsache, die mich nicht selten den Kopf schütteln ließ: die Stellung der Frau und ihre Unterwürfigkeit den Männern gegenüber. Die Beziehungen Angéliques (und wohl stellvertretend für die meisten Frauen der damaligen Zeit) sind von Gewalt  geprägt und dass sie gelegentlich Gefallen daran findet, kann man ihr nicht verübeln. Trotzdem habe ich mich an einigen Stellen etwas aufgeregt, vor allem an einer Zusammenkunft, die gegen Ende des Buches stattfindet. Sie wird vergewaltigt, der Mann behauptet daraufhin, er habe sie damit nur retten wollen und "sie sagte sich zu gleicher Zeit, daß sie auf der Welt keinen besseren Freund besaß als ihn." (S. 730) Naaaja. Auch sonst handelt Angélique manchmal in einer Art und Weise, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Dennoch konnte ich sie nie verurteilen, denn ihre Vergangenheit und ihre Ziele scheinen alles zu rechtfertigen. Das ist es wohl auch, was einem Angélique als starke Frau erscheinen lässt und der Buchreihe so viel Erfolg gebracht hat.

Nichts desto Trotz hat mich dieser erste Roman der Angélique Reihe gefesselt und begeistert und ich bin froh, mir dieses Projekt vorgenommen zu haben. Es war für mich etwas besonderes, denn wie gesagt haben die Bücher mal meiner Mutter gehört und vorne steht auch noch ihr Name und ihre alte Anschrift sowie eine Widmung ihrer besten Freundin, die vor Jahren gestorben ist. Außerdem nagt schon der Zahn der Zeit an den Büchern und ich liebe es, vergilbte und zerlesene Bücher in der Hand zu halten ♥


Und an noch etwas habe ich lachend bemerkt, wie alt die Bücher sind: an der Werbung! Ich dachte ich seh nicht recht, als mich eine Zeichnung anstarrte, darunter ein Zitat aus dem zuvor Gelesenen - auf der Rückseite mit Werbung für Wertpapiere (schon ab 100 DM!!) versehen *lach*

Wenn man sich der Liebe hingeben will...

... darf man keine materiellen Sorgen haben.

Ich vergebe 4 von 5 Wolken, weil es für mich nicht ganz einfach war, mich zurecht zu finden, der Roman deshalb aber nicht weniger reizvoll war.

Weiter gehts mit dem zweiten Teil der Reihe. Die Übersicht des Angélique-Projekts gibt's hier.

1 Kommentar:

  1. Für mich eine der - wenn nicht d i e - intelligenteste Stellungnahme zu diesem Werk. Ich bin im 77. Lebensjahr und hab die Resonanz-Geschichte der Reihe auf dem deutschen Buchmarkt von Anfang an miterlebt (ich war 18, als meiner Mutter die Erstausgabe geschenkt wurde und arbeitete später als Werbetexter in der größten deutschen Versandbuchhandlung, so was gab's auch vor Web und Amazon). Mit Ausnahme von "Vom Winde verweht" sind alle Vorläufer und Nachahmer zu Recht vergessen. Zumindest der erste Band (eigentlich die ersten zwei Bücher) lässt sich nicht einfach in die Schublade Trivialschund abschieben; sie neben Goethe oder Fontane anzusiedeln geht freilich auch nicht, irgendwie ist es eine eigene Kategorie, was auch dem Sprachgefühl der ersten deutschen Übersetzer Vulpius und Nicklisch zu verdanken ist. Und jetzt einer so authentischen Resonanz wie Ihrer zu begegnen, das fasziniert nochmal neu. Michael Urban

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)