Samstag, 9. Februar 2013

"Die Leute, die sie vorübergehen sahen" von Scott Bradfield

"Eines späten Abends, als sie drei Jahre alt war, wurde Salome Jensen von dem Mann, der den Heißwasserboiler reparierte, gepackt und mit in eine kleine fast unmöblierte Bungelowwohnung in Van Nuqs genommen, wo sie von da an lebte. Sie wusste, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zuging, dass es zu plötzlich für einen normalen Urlaub war und dass der Mann, den sie Daddy nennen sollte, nicht ihr richtiger Daddy war."


"Die Leute, die sie vorübergehen sahen" von Scott Bradfield

Verlag: Residenz Verlag (2013)
Format: HC, 232 Seiten
ISBN: 978-3-7017-1603-6
Preis: 21,90 € [D] 
Originaltitel: "The people who watched her pass by" (2010)

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Inhalt


Nachdem die kleine Sal entführt wurde, ändert sich ihr Leben grundlegend. Immer wieder findet sie sich alleine, wandert dann umher um schließlich wieder irgendwo aufgenommen zu werden. Sie erkennt die Fassaden, hinter denen sich die Erwachsenen verstecken und dass es zum Leben nicht viel mehr braucht als ausgewogenes Essen und Einsamkeit.

Meine Meinung


Dieses Buch hat mich leider sehr enttäuscht. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet und die ersten Seiten schienen dem auch zu entsprechen. Ich dachte, Sal würde von Haus zu Haus ziehen, in andere Leben blicken und daran wachsen, bevor sie in ihr Zuhause zurückkehrt.

Sie lernt zwar andere Leben kennen, doch mir schien es, als seien alle gleich unfähig, ihr Leben zu leben und es zu gestalten. Es ist nur von Menschen die Rede, nicht gesellschaftsfähig, einsam und von der Vorstellung besessen, das "kleine Mädchen", wie sie von allen genannt wird, könne sie retten.

Ich muss gestehen, dass das Buch mich ziemlich durcheinander gebracht hat. Zum Beispiel ist Sal einmal bei einem Bekannten und dessen Großmutter zum Essen eingeladen, wenige Seiten später steht sie vor Gericht und bezichtigt die beiden des Kindesmissbrauchs. Irgendwann später ruft die Frau, die sie betreut hat, während sie in einem Kinderhaus gelebt hat, bei ihr an und wirft ihr vor, sie verleumdet zu haben, was im Buch nie erwähnt wird. Sal durchquert eine Wüste und wird dann von einer Horde Pilgerer besucht, warum auch immer. Und dann immer diese modrigen Behausungen und seltsame Angewohnheit von Seiten Sals... ich weiß nicht.

Was mich auch sehr gestört hat ist, dass man Sal nicht wirklich einordnen kann, was ihr Alter betrifft. Es heißt, sie wird entführt als sie drei ist. Später fragt man sie, ob sie schonmal verheiratet gewesen sei und sie antwortet, dass sie ja erst vier oder fünf Jahre alt sei. Gleichzeitig spricht sie, als sei sie erwachsen und philosophiert vor sich hin. Ich denke, dass man das Buch eher metaphorisch sehen muss, dennoch hat mich diese seltsame Alterslosigkeit sehr gestört und ich konnte nicht recht Fuß fassen. Ich glaube, wenn Sal älter gewesen wäre, hätte das Buch irgendwie mehr Sinn gemacht, zumindest für mich. Wenn sie entführt wird und dann erwachsen wird.

Insgesamt hinterlässt das Buch eine düstere Stimmung und ein noch düsteres Bild unserer Gesellschaft, beziehungsweise denen, die gerne als "Verlierer der Gesellschaft" bezeichnet werden. Ich vermute, dass Bradfield auf die Missstände hinweisen wollte, in denen unsere Kinder heutzutage aufwachsen, überbehütet und erdrückt und dennoch so vielen Gefahren ausgesetzt. Er vermischt zwei mir bekannte anthropologische Ansätze der Kindheit: das Kind als Erlöser und das Kind als missachtetes Wesen (vgl. Zirfas), jedoch ohne einen Lösungsansatz oder Perspektiven zu bieten. Alles scheint hoffnungslos und gerade so, als ob unsere Kinder immer und für immer so aufwachsen würden.

Wenn es nur das ist, worum es dem Autor ging, bin ich unglücklich mit der Umsetzung. Wegen der guten Ansätze, vielen schönen Textpassagen (selbst wenn sie aus dem Mund eines Kindes kommen) und weil (hoffentlich) noch mehr in dem Buch steckt, als ich beim ersten Lesen erkennen konnte, vergebe ich 2 von 5 Wolken für diesen Roman. Vielleicht ist ja auch irgendwo der "humoristische Blick" versteckt, mit dem die Gesellschaft in diesem Buch anscheinend beleuchtet werden soll...

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Eine tolle Rezension.

    Den ersten Kommentar habe ich wegen gravierenden Rechtschreibfehlern entfernt. ;D So nochmal auf Deutsch:
    Trotz oder gerade wegen dem schlechten Fazit, macht es neugierig auf mehr. Ich finde gerade den Aspekt der Alterslosigkeit irgendwie interessant. Ich weiß zwar nicht wie das nun im Buch umgesetzt wurde, aber vielleicht steckt da ja die Aussage dahinter, dass ein Kind eben ein Kind ist, egal wie reif es wirkt oder was es erlebt hat.
    Liebe Grüße.

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  3. Bei diesem Buch hat mich schon die Leseprobe auf vorablesen abgeschreckt. War offenbar eine gute Entscheidung, die Finger davon zu lassen...

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)