Sonntag, 24. Februar 2013

"No & ich" von Delphine de Vigan

""Mademoiselle Bertignac, ich vermisse Ihren Namen auf der Referatsliste." Monsieur Marin fasst mich von ferne ins Auge, mit erhobener Braue und entspannt auf dem Schreibtisch liegenden Händen. Ich habe seinen Langstreckenradar nicht bedacht. Ich habe auf Aufschub gehofft und werde nun in flagranti erwischt. Fünfundzwanzig Augenpaare sind auf mich gerichtet und erwarten eine Antwort. Das Hirn wurde bei einem Fehltritt ertappt."

"No & ich" von Delphine de Vigan

Verlag: Knaur. (August 2010)
Format: TB, 250 Seiten
ISBN: 978-3-426-50158-0
Preis: 8,95 € [D] 
Originaltitel: "No et Moi" (2007)

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Inhalt:

Die 13-jährige Lou ist hochbegabt und eine Einzelgängerin. Sie verbringt ihre Zeit am liebsten damit, Theorien aufzustellen und die geheime Ordnung der Welt zu ergründen. Als sie der 18-jährigen Obdachlosen No begegnet, will sie ihr helfen und damit die Welt verbessern. Sie kann ihre Eltern dazu überreden, No bei sich aufzunehmen und anfangs geht auch alles gut. Doch dann läuft alles aus dem Ruder und Lou fragt sich, ob es überhaupt Gerechtigkeit auf Erden gibt.

Meine Meinung:

Dieses Buch hat mich schon lange gereizt und als ich vor kurzem die Gelegenheit hatte, es für wenig Geld zu erstehen, habe ich gleich zugegriffen. Es hat meinen Erwartungen sehr genau entsprochen, nur die Protagonistin und Erzählerin Lou hatte ich mir älter vorgestellt. Im Nachhinein gefällt mir der Umstand aber ganz gut; ihr Hochbegabtsein ergibt zusammen mit ihrer kindlichen Naivität eine gute und sympathische Mischung. Das Buch erhält dadurch eine schöne Art von Leichtigkeit und Humor, die man den Umständen nach nicht erwartet hätte.

Lous Theorien und Philosophien regen zum Nachdenken an, mehr als einmal wird einem die Unsinnigkeit unser Gesellschaft vor Augen geführt, die in der Lage ist, Raketen ins All zu schießen und künstliche Inseln zu erschaffen, aber sie lässt Menschen auf der Straße verhungern. Eine Szene hat mich besonders berührt, wo Lou von einem Obdachlosen in ihrer Gegend erzählt, den alle Leute kannten und mochten und der schließlich starb. Eine Nachbarin nahm daraufhin seinen Hund auf und Lou denkt:
"Hunde kann man bei sich aufnehmen, Obdachlose nicht. Wenn jeder von uns einen Obdachlosen aufnähme, wenn sich jeder um einen Menschen, einen einzigen, kümmern würde, ihm helfen und für ihn da sein würde, [...], dann gäbe es vielleicht weniger auf der Straße." (S. 80)

Ein so wahrer Gedanke, dass es fast Angst macht und nicht der einzige in diesem Buch. Ein große Qualität.

Gestört hat mich hingegen der Schreibstil bzw. die Erzählart, für die sich die Autorin entschieden hat. Die Geschehnisse werden von Lou aus der Ich-Perspektive erzählt, in einer Mischung aus Tatsachenbericht und innerem Monolog. An sich mag ich innere Monologe, denn sie können auf ungekünstelte Art und Weise und ohne viele Emotionen ausdrückende Worte das Innenleben einer Person widerspiegeln. De Vigan hat dies aber in langen Sätzen umgesetzt und einzelne Bestandteile nur durch Kommata getrennt aneinander gereiht. Ein Beispiel:
"Auf den Bahnhöfen ist es anders, die Gefühle lassen sich aus den Blicken erraten, aus den Gesten und Bewegungen, da trennen sich Liebespaare, Großmütter reisen wieder ab, Damen in weiten Mänteln lassen Herren mit hochgeschlagenen Kragen zurück oder umgekehrt, und ich beobachte diese Leute, die fortgehen, man weiß weder wohin noch warum, noch für wie lange, durch die Scheibe hindurch verabschieden sie sich, sie winken diskret oder rufen laut, obwohl man sie sowieso nicht hören kann." (S. 13)

Das Buch ist mehr oder weniger von solchen, fast an Kleist erinnernden Mega-Sätzen bestimmt und ich habe mich irgendwann dabei ertappt, wie ich mir in Gedanken selbst vorgelesen habe und dann an den Stellen Punkte gedacht habe, wo sie für mich einfach hingehören. Das war dann einfacher für mich und ich musste die Sätze nicht mehrfach lesen um ihren Sinn zu begreifen. Meine Schwierigkeiten können aber auch allein an meinem persönlichen Geschmack und meiner Liebe zu schön und sinnvoll strukturieren Sätzen gelegen haben *lach* Nichtsdestotrotz ist das Buch ein absoluter Pageturner und ich habe es in wenigen Stunden verschlungen.

Ich hätte mir für das Ende ein bisschen mehr Hoffnung gewünscht, denn man bleibt doch mit einem Gefühl der Einsamkeit zurück, einem Hauch von Trostlosigkeit. Aber es ist die Realität, denn im wiklichen Leben geht nunmal nicht immer alles gut aus, ist nicht immer jeder glücklich und zufrieden. Ich vergebe 4 von 5 Wolken für dieses Buch.

1 Kommentar:

  1. Danke für die Warnung mit den Monstersätzen! Ich fand, dass das Buch ganz interessant klingt, aber ein derartiger Schreibstil mit Bandwurm-Satzgebilden kann ich nicht ausstehen. Wird in diesem Fall von meiner Liste gestrichen...

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)