Mittwoch, 19. Juni 2013

"Die Mittagsfrau" von Julia Franck

"Auf dem Fensterbrett stand eine Möwe, sie schrie, es klang, als habe sie die Ostsee im Hals, hoch, die Schaumkronen ihrer Wellen, spitz, die Farbe des Himmels, ihr Ruf verhallte über dem Königsplatz, still war es da, wo jetzt das Theater in Trümmern lag. Peter blinzelte, er hoffte, die Möwe werde allein vom Flattern seiner Augenlider aufgescheucht und flöge davon. Seit der Krieg zu Ende war, genoss Peter die Stille am Morgen."



"Die Mittagsfrau" von Julia Franck

Verlag: Fischer (März 2010)
Format: TB (Mini), 605 Seiten
ISBN: 978-3-596-51099-3
Preis: 11,00 € [D] 

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Inhalt


Obwohl ihre Mutter sie verachtet, verlebt die junge Helene eine glückliche Kindheit. Der Erste Weltkrieg bringt einige Enbehrungen mit sich, doch Helene hält an ihren Träumen und Hoffnungen fest. Doch sie muss mit ansehen, wie die Welt um sie herum langsam zerfällt und als schließlich der Zweite Weltkrieg ausbricht, muss sie eine folgenschwere Entscheidung treffen...

Meine Meinung


Dieses Buch hat mir sehr gefallen und mich tief berührt. Ich sollte es für die Uni lesen und bin jetzt sehr froh darüber, dazu angestoßen worden zu sein.

Der Prolog erzählt von dem kleinen Peter und seiner Mutter Alice und scheint zunächst nichts mit dem Buch zu tun haben, das folgt. Erst nach und nach ergeben sich die Zusammenhänge, bis am Schluss der Kreis geschlossen wird. Böse Zungen sagen, dass allein Prolog und Epilog interessant seien und man sich das Zwischendrin hätte sparen können, was ich defenitiv nicht so sehe.

Franck hat eine faszinierende Art zu schreiben. Anführungszeichen fehlen gänzlich, außerdem reiht sie kurze Sätze durch Kommata getrennt aneinander, was zunächst etwas Eingewöhnung bedarf. Schwer zu lesen sind sie aber nicht, denn Franck hat es verstanden, die Sätze dem Denkfluss anzupassen - sowohl dem der Protagonistin als auch dem des Lesers - und so wirkt das Lesen natürlich, der Lesefluss wird nicht unterbrochen. Gleichzeitig ergibt sich durch diese Art des Schreibens eine tiefere Ebene, Gefühle und Gedanken schwingen allgegenwärtig mit.

Mit manchen Dialogen hatte ich jedoch meine Schwierigkeiten. Sie waren zum Teil hoch philosophisch und durch fehlende Anführungszeichen musste ich manche Stellen doppelt zu lesen, um zu verstehen, ob ein Satz jetzt noch eine Äußerung und schon ein Gedanke der Protagonistin Helene war.

Helene selbst wurde so "gestaltet", dass man gerne von ihr liest; sie ist sympathisch und spiegelt den Geist jener Zeit sehr gut wieder. Dennoch muss ich sagen, dass sie mir fremd geblieben ist in ihrem Denken und Handeln. Ich konnte ihr Verhalten oft nicht nachvollziehen, vor allem das im erwachsenen Alter, und mit dem Fortschreiten der Geschichte entglitt sie mir immer mehr. Störend fand ich das nicht - sich nicht in einem Roman wieder zu finden ist ja auch eine Form der Rezeption - es ist mir nur aufgefallen.

Mir hat sehr gut gefallen, dass Franck keine Scheu vor Tabus zeigt bzw. auch über Begebenheiten schreibt, von denen man nicht so häufig liest. So zum Beispiel die teils sexuelle Beziehung zwischen Martha und ihrer kleinen Schwester Helene oder ihre homosexuelle Beziehung zu einer Freundin. Auch Drogenkonsum oder die Zustände während der Kriegsjahre, in denen unter anderem Operationen an behinderten, damals also minderwertigen Menschen, vorgenommen wurden, werden thematisiert.

Ich vergebe 4 von 5 Wolken und empfehle es wärmstens weiter. Ein schönes und gleichzeitig dramatisches Bild der Zeit.

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