Samstag, 6. September 2014

"Delirium" von Lauren Oliver

"Es ist jetzt vierundsechzig Jahre her, dass der Präsident und das Konsortium die Liebe als Krankheit identifiziert haben, und vor dreiundvierzig Jahren haben die Wissenschaftler ein Heilmittel dagegen entwickelt. In meiner Familie haben alle den Eingriff bereits hinter sich. Meine ältere Schwester Rachel ist jetzt seit neun Jahren gesund. Sie ist schon so lange gegen die Liebe immun, dass sie sagt, sie erinnere sich noch nicht einmal mehr an ihre Symptome. Mein Eingriff findet in genau fünfundneunzig Tagen statt, am 3. September. Meinem Geburtstag."




"Delirium" von Lauren Oliver

Verlag: Carlsen (2011)
Format: HC, 409 Seiten
ISBN: 978-3-551-58232-4
Preis: 18,90 € [D] 
Originaltitel: Delirium (2011)
Teil 1 einer Trilogie

☁ ☁ ☁ ☁


Inhalt


In der Welt der Zukunft ist die Liebe eine gefährliche Krankheit, gegen die man zum Glück ein Heilmittel gefunden hat. Jeder Mensch, der das 18. Lebensjahr vollendet hat, wird mit einem kleinen operativen Eingriff geheilt und kann fortan ein beständiges und sorgenfreies Leben führen. Lena zählt die Tage bis zu ihrer Heilung und kann es gar nicht erwarten. Doch dann trifft die Liebe sie völlig unvorbereitet und enthüllt ihr neue Welten, von deren Existenz sie nicht einmal geahnt hat. Sie stellt fest, dass sie ihr ganzes Leben lang nur belogen wurde, und dass die Welt außerhalb ihrer von Elektrozäunen und Mauern umgebenen Stadt nicht so gefährlich ist, wie man ihr immer vorgebetet hat...


Meine Meinung


Wow. Eben habe ich den Roman zu Ende gelesen und bin immer noch tief berührt von der Story, die glücklicherweise nicht mit diesem Buch endet.

Ich bin absolut fasziniert von den Gedanken, die sich Oliver um das Gefühl der Liebe und dessen Auswirkungen gemacht hat. Diese dystopische Gesellschaft zu konstruieren war sicherlich ein ganzes Stück Arbeit, ist ihr aber wahnsinnig gut gelungen. Das Aufwachsen in einer nahezu gefühlskalten Familie, die Grauzone der Jugend, der Eingriff, das Zuteilen eines Ehepartners nach strengen Maßstäben, ein Leben in Stumpfsinn und ohne viele Erinnerungen... und dann natürlich die Sympathisanten, die sich gegen all das wehren und als "Invaliden" in den die Stadt umgebenden Wäldern leben, jedoch von Staat und Bewohnern totgeschwiegen werden.

Auch die Idee, dass die Welt technisch und wirtschaftlich ein wenig zurückgefallen ist, hat mir gut gefallen. Zwar gibt es noch Elektrizität, fließend Wasser und andere Annehmlichkeiten in normalem Ausmaß. Computer, Radio, Sicherheitsvorkehrungen nach höchstem Standard, alles noch da. Gleichzeitig herrschen jedoch Nahrungsmittel aus Dosen vor und Autos sind ein Luxus, den sich kaum einer mehr leisten kann. Zwischen den "geheilten" Städten erstrecken sich viele Quadratkilometer "Wildnis". Das alles ergibt eine spannende Mischung zwischen Altbekanntem und skurrilem Neuem, die das Buch so fesselnd macht.

Besonderes Detail sind die jeweiligen Anfänge der Kapitel, denn jedes ist mit Paragraphen oder Zitaten aus dem "Persönlichen Sicherheits- und Schutztraktat" oder anderen staatlich freigegebenen Schriften überschrieben, die einem schnell klar machen, dass es sich bei dieser Gesellschaft um einen Überwachungsstaat der übelsten Sorte handelt.

"In den Jahrzehnten vor der Entwicklung des Heilmittels war die Krankheit so virulent geworden und hatte sich so weit verbreitet, dass ein Mensch ausgesprochen selten das Erwachsenenalter erreichte, ohne sich mindestens ein Mal (ernsthaft) mit Amor deliria nervosa angesteckt zu haben (siehe auch: "Statistiken, Vorgrenzzeit") ... Viele Historiker heben hervor, dass in der Zeit vor dem Heilmittel die Gesellschaft als solche ein Spiegelbild der Krankheit war und sich durch Zerrissenheit, Chaos und Instabilität auszeichnete ... Fast die Hälfte aller Ehen wurde geschieden [...]" (S. 176)

Der Eingriff, der von der Liebe heilt, macht die Bewohner stumpfsinnig und träge, so dass sie alles glauben, was ihnen erzählt wird, während der Leser bei den Worten nur den Kopf schütteln kann. Das Faszinierende dabei ist jedoch, dass man mit viel Wohlwollen tatsächlich etwas Wahres dahinter erkennen kann. Man kann sich die Tatsachen wirklich so zurecht legen, dass die Liebe die Wurzel allen Übels in der Welt ist, und ohne sie eine bessere wäre. Das gibt dem Buch eine weitere, ganz besondere Note, denn es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass ganze Völker mit solchen Worten kontrolliert und unterdrückt würden...

Auch die Protagonistin Lena ist fest im System verankert und stellt die sogenannten Schutzmaßnahmen nicht in Frage. Im Gegenteil - zu Anfang verteidigt sie diese noch vehement. Das ist auch ein ganz großes Plus des Buches: Die Entwicklung der Protagonistin, die durch die Wahl der Ich-Perspektive noch stärker herausgestellt wird. Im Vergleich zu ihrer besten Freundin Hana, die von Anfang an kritischer und draufgängerischer dargestellt wird, ist Lena zu Anfang nämlich sehr naiv und leichtgläubig. Das ändert sich, als sie Alex kennen lernt, der sie mit der Liebe "infiziert", wie es im Volksmund genannt wird. Alex war mir persönlich etwas zu glatt und unrealistisch, trotzdem war er mir nicht unsympathisch.

Mir hat besonders gefallen, dass sich die Handlung des Buches nach und nach in mehrere Stränge aufdröselt. Es bleibt nicht nur bei der Liebesgeschichte zwischen Alex und Lena, denn plötzlich tauchen Schatten aus Lena's Vergangenheit auf, deren Rätsel es zu lösen gilt. Über diesen Band hinaus, auch wenn ich schön üblere Cliffhanger hatte. Ich werde definitiv weiter lesen und vergebe 5 von 5 Wolken.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)