Donnerstag, 26. März 2015

"Effi Briest" von Theodor Fontane

"In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen wei´und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetztes Rondell warf."



"Effi Briest" von Theodor Fontane

Meine Ausgabe vom Knaur-Verlag ist so alt, dass sie nicht einmal eine ISBN oder eine Jahreszahl besitzt. Dafür hat sie einen wunderschönen Einband, der den Roman sehr gut widerspiegelt. 


Inhalt


Die junge Effi verheiratet sich nach dem Willen ihre Eltern mit dem wesentlich älteren Baron von Innstetten, der früher ein Liebhaber ihrer Mutter war. Effi folgt ihm in einen Ort an der rauen Ostsee, wo sie sich von Anfang an unwohl fühlt. Hier bringt sie die gemeinsame Tochter Annie zur Welt. Weil sie sich langweilt und unverstanden fühlt beginnt sie schließlich eine Affäre mit Major Crampas, die durch den ersehnten Umzug nach Berlin beendet und von Effi beinahe vergessen wird. Doch dann findet Innstetten 7 Jahre später die Liebesbriefe, fordert Crampas zum Duell und tötet ihn. Er verstößt Effi und entzieht ihr das Sorgerecht, und Effi ist fortan auf sich alleine gestellt.

Meine Meinung


Wieder ein Roman, der noch von meiner Mom stammt und der bisher auf meinem SuB einstaubte. Es ist das letzte Buch meiner SuB-Abbau-Challenge, denn ich habe das Lesen immer weiter hinausgezögert. Viele warnten mich vor diesem langweiligen alten Schinken, doch ich muss sagen, ich war positiv überrascht.

Ja, ich gebe zu, die ersten Sätze sind nicht gerade fesselnd und ich selbst befürchtete auch schon das Schlimmste. Doch meine Einstellung zum Buch änderte sich schnell, denn entgegen aller Erwartungen liest es sich flüssig und meist ohne die Anstrengung, die bei anderen Roman dieser Zeit notwendig ist. Es ist eigentlich erstaunlich, denn obwohl das Buch zu zwei Dritteln nur aus Alltagsbeschreibungen besteht, in denen nicht wirklich etwas passiert, hat es mich nicht gelangweilt. Es vermittelt im Gegenteil - meiner Meinung nach - ein realistisches Bild der damaligen Gesellschaft.

Fontane scheint mir ein Meister des Schreibens zwischen den Zeilen zu sein. Die wirklich entscheidenden Dinge hat der Leser mehr zu erahnen als dass er sie schwarz auf weiß vor sich hat, was mich an manchen Stellen sehr irritierte. Als moderne Leserin erwartete ich zumindest Andeutungen auf Körperlichkeiten oder romantisches Beisammensein, doch damit kann der Roman nicht dienen. Da ich ja wusste, dass ich eine Affäre zu erwartetn hatte, wartete ich darauf, dass etwas in der Richtung geschah. Und wartete... und wartete... und dann irgendwann, mit einer Äußerung, die erst viel später im Buch gemacht wird, machte es endlich Klick: Das war ja schon! 

Mit "Effi Briest" hat Fontane dennoch ein faszinierendes Gesellschaftsbild der damaligen Zeit geschaffen, und obwohl Effi und die anderen Charaktere erfunden sind, zweifle ich nicht daran, dass viele junge Frauen damals ein solches oder ähnliches Schicksal erdulden mussten. Ich bin einmal mehr unglaublich froh, in der heuten Zeit zu leben, trotz meiner Liebe zu historischen Kostümen.

Übrigens: Dass Effi erfunden sei, trifft es nicht so ganz, denn die Romanfigur Effi basiert auf der wahren Geschichte einer Frau namens Elisabeth von Ardenne, die Fontane selbst kennengelernt hat. Auch sie ist unglücklich verheiratet und verstrickt sich in eine Affäre, die für den Liebhaber tödlich endet. Die Ehe wird geschieden und ihr wird das Sorgerecht für die Kinder abgesprochen. Im Gegensatz zu Effi zerbricht Elisabeth aber nicht an der Situation, im Gegenteil. Man schreibt über sie als starke, selbstbewusste Frau, die als Krankenschwester arbeitete, viel reiste und mit 60 Jahren noch das Skilaufen und mit 80 Jahren sogar Radfahren lernte (Quelle).

Ganz ehrlich - es ärgert mich unendlich, dass Fontane die Geschichte so sehr abgeändert hat, wo doch ein Roman über eine starke und unabhängige Frau in der damaligen Gesellschaft viel mehr Wellen hätte schlagen können. Aber vielleicht sollte genau das vermieden werden...

Ich möchte diesen Roman, wie andere Klassiker, nicht bewerten. Jaja, ich weiß, Doppelmoral... aber ich kann für derlei Bücher einfach nicht die selben Maßstäbe ansetzen, nach denen ich sonst arbeite. Ich bitte um euer Verständnis :)

Den Film "Effi Briest" von 2009 finde ich äußerst gut gelungen. Er füllt die oben genannten Lehrstellen auf ansprechende Art und Weise und erleichtert einem ein wenig das Verständnis für die Abläufe. Auch das Ende kommt näher an die "echte Effi" Elisabeth heran, denn die letzte Szene zeigt, wie Effi Instetten, der reumütig angefahren kommt, stolz den Rücken zukehrt. Empfehlenswert!

Kommentare:

  1. Sehr schön rezensiert! Ich habe das Buch während meiner Schulzeit gelesen und mir hat es damals gut gefallen.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Vielen Dank. An mir ist es komischerweise komplett vorbei gegangen, dabei hätte ich es dem Kohlhaas auf jeden Fall vorgezogen! :D

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  2. Wir haben Effi Briest damals in der Schule gelesen und waren uns alle bis etwa zur Hälfte einig: laaaangweilig. Aber dann hat es plötzlich bei uns allen Klick gemacht und letztlich hat mir das Buch sehr gefallen. Dass es auf einer wahren Person beruht, wusste ich bisher noch gar nicht, danke für die Info!

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    1. Ja, ich denke, man braucht in der Schule die richtigen Methoden, um der ganzen Klasse einen Zugang zu ermöglichen... schön, dass das bei euch offenbar gelungen ist!

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)