Sonntag, 19. April 2015

"Zwei bemerkenswerte Frauen" von Tracy Chevalier

"Den Blitzschlag habe ich in meinem Leben immer wieder gespürt, in Wirklichkeit getroffen hat er mich aber nur einmal. Eigentlich sollte ich mich nicht mehr daran erinnern können, ich war schließlich fast noch ein Baby, aber ich erinnere mich. Ich saß auf einem Feld. Pferde waren da und Reiter, die Kunststücke vorführten. Plötzlich zog ein Gewitter auf. Eine Frau, es war nicht Mam, nahm mich hoch und trug mich unter einen Baum. Als sie mich fest an sich drückte, schaute ich auf und sah ein Muster aus schwarzen Blättern vor weißem Himmel. Und dann war da plötzlich Krach, als würden alle Bäume umstürzen, und ein sehr helles Licht, wie wenn man in die Sonne blickt."




"Zwei bemerkenswerte Frauen" von Tracy Chevalier

Verlag: Knaus (2010)
Format: HC, 361 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0368-5
Preis: 19,95 € [D] 
Originaltitel: Remarkable Creatures (2009)

☁ ☁ ☁ ☁ ☁


Inhalt


Elizabeth Philpot und die kleine Mary Anning könnten unterschiedlicher nicht sein was Vermögen, Stand und Bildung anbelangt. Doch sie sind verbunden durch eine ganz besondere Leidenschaft: Das Sammeln von Fossilien. In einer von Männern und dem beinahe unumstößlichen Glauben an Gottes Allmacht dominierten Gesellschaft müssen sie sich gegen viele Feinde und Neider behaupten - doch auch vor Eifersucht und Missgunst gegenüber der jeweils anderen sind sie nicht sicher, vor allem, als Mary über den Ort hinausgehende Berühmtheit erlangt...


Meine Meinung


Tracy Chevalier kannte ich bereits durch "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", das mich sehr fasziniert hat. Auch dieser Roman vermochte es, mich zu fesseln und in vergangene Zeiten zu versetzen - und mich wütend zu machen darüber, wie Frauen viele Jahrhunderte lang behandelt wurden.

Die beiden Protagonisten sowie einige der Nebencharaktere beruhen auf wahren Begebenheiten. Es hat sie wirklich gegeben und Mary Annings Arbeit hat tatsächlich maßgeblich zur Forschung im Bereich der Paläontologie beigetragen. Auch die grobe zeitliche Abfolge wurde beibehalten, teilweise jedoch ausgeschmückt, wie Chevalier im Nachwort erklärt. Weitere Informationen gibt es auf der Verlagsseite zu finden.

Ich muss zugeben, dass ich überrascht war, dass Mary an die 20 Jahre jünger als Elizabeth ist. Titel und Cover hatten mir irgendwie suggeriert, dass es sich um gleich alte Freundinnen handeln müsste, doch dass dem nicht so ist, unterstreicht nur die Besonderheit dieser Freundschaft.

Abwechselnd und in recht umfangreichen Kapiteln schreibt Chevalier aus der Sicht jeweils einer der Frauen. Nach dem kurzen Bericht über den Blitzschlag, der Mary als Baby getroffen hat, schwenkt die Autorin nach London, wo Elizabeth aufgewachsen ist. Ihr Bruder heiratet und benötigt das gemeinsame Haus für sich. Da Elizabeth und ihre Schwestern keine Chance auf eine Vermählung haben, sollen sie in einen günstigeren Ort abgeschoben werden, wie es wohl damals üblich war. Sie entscheiden sich für den Küstenort Lyme Regis, wo ihr Bruder ihnen ein Haus ersteht und sie unterhält. Dort spielt sich dann der Großteil des Romans ab.

Lyme ist noch immer bekannt für seine Fossilien, doch zum Zeitpunkt des Geschehens ist die Suche danach ein seltenes Hobby. Die Fossilien stehen zwar im Mittelpunkt des Romans, drängen sich jedoch nicht unangenehm in den Vordergrund. Tatsächlich sind sie eher Anlass zu Spekulationen über religiöse und erdgeschichtliche Fragen, die in jener Zeit zunehmend aufkamen. Man muss also kein Geologe sein, um Freude an dem Buch zu haben. Ein Interesse an vergangenen Zeiten und gesellschaftlichen Strukturen ist aber von Vorteil.

Chevalier gelingt es, auf unaufdringliche Weise zwar die damaligen, teils haarsträubenden Umstände für Frauen aufzuzeigen, gleichzeitig aber auch zu erklären, warum ein Ausbrechen aus den Konventionen so schwer war. Elizabeth ist sich durchaus des engen gesellschaftlichen Korsetts bewusst, das sie einzwängt, und wagt es auch teilweise, daraus auszubrechen. Trotzdem hängt sie noch in den Schlingen der Gesellschaft und reiht sich, zum Beispiel als es um Marys eventuelle Heirat mit einem Colonel geht, in die allgemein gültigen Maximen ein.

Auch die Nebencharaktere bekamen von der Autorin ein sorgfältig ausgearbeitetes Gesicht, sodass ich mich voll in die Geschichte einfinden konnte. Mit nur wenigen Worten erahnt man den Charakter der erwähnten Personen und glaubt, sie schon seit langem zu kennen. Das gilt für allem für die Nebencharaktere, die entscheidend für den Verlauf der Geschichte sind. Besonders ins Herz geschlossen habe ich Marys Mutter Molly, eine weitere starke Frau, die eisern um ihre Rechte kämpft.

Ich habe es sehr genossen, mal wieder ein Buch mit dem Schwerpunkt "Frauen in der Gesellschaft" zu lesen, ein Thema, das mich sehr interessiert. Ich vergebe volle 5 von 5 Wolken und habe meinem Wunschzettel noch weitere Bücher von Chevalier hinzugefügt.

Kommentare:

  1. Dieses Buch habe ich schon sehr lange auf der WL, gut, dass du mich wieder daran erinnerst, denn es klingt nach einem wahren Bücherschatz.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    AntwortenLöschen

Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)