Dienstag, 19. Mai 2015

"Die englische Freundin" von Tracy Chevalier

"Es gab kein Zurück. Als Honor Bright ihrer Familie aus heiterem Himmel verkündete, dass sie ihre Schwester Grace nach Amerika begleiten werde, als sie ihre Habseligkeiten ordnete, nur das Nötigste behielt und alle Quilts weggab, als sie sich von Onkeln und Tanten verabschiedete, Vettern, Basen, Nichten und Neffen ein letzte Mal küsste, als sie in der Kutsche aus Bridport hinausfuhr und in Bristol Arm in Arm mit Grace über die Gangway schritt, hatte sie stets den einen Gedanken im Hinterkopf: Ich kann jederzeit zurück."



"Die englische Freundin" von Tracy Chevalier

Verlag: Knaus (2013)
Format: HC, 368 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0595-5
Preis: 19,99 € [D] 
Originaltitel: The Last Runaway (2013)

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Inhalt


Weil ihr Verlobter sie sitzengelassen hat, reist die Quäkerin Honor mit ihrer Schwester nach Ohio, wo diese heiraten will. Doch das Schicksal will es anders und Grace stirbt. Honors Situation ist schwierig, da sie nun keine familiären Bande an ihren Fast-Schwager binden. Sie muss sich nach einem Ehemann umsehen und findet ihn in dem jungen Milchbauern Jack. Mit seiner Mutter gibt es jedoch große Schwierigkeiten, vor allem als Honor trotz Verbot weiterhin vorbeikommenden flüchtenden Sklaven hilft. Dass der raue Sklavenjäger Donovan ein Auge auf sie geworfen hat, macht die Sache auch nicht besser...


Meine Meinung


Tracy Chevalier ist für mich die Meisterin der historischen Frauenfiguren. Und zwar ganz alltäglicher Frauen in einem schlichten, wenig ruhmreichen Leben. Frauen, deren Geschichte niemand aufgeschrieben hat und die in Vergessenheit geraten sind.

Honor Bright hat es zwar nicht wirklich gegeben, ihre Geschichte ist aber bestimmt kein Einzelfall. Ein verheißungsvoller Aufbruch in die Neue Welt, der durch einen Schicksalschlag verdüstert wird. Die Anpassung an ein neues Leben, an eine neue Gesellschaft, und die Abhängigkeit der Frauen von einem Mann und dessen Familie - das allein hätte schon das Buch füllen können, doch Chevalier hat noch eine andere Komponente hinein gewoben: die Underground Railroad die sich in den USA des 18. Jahrhunderts gebildet hat, um Sklaven bei ihrer Flucht nach Norden ins sichere Kanada zu helfen.

Für die damaligen Verhältnisse ist Honor eine starke Frau zu nennen. Dennoch - und das macht sie sympathisch und menschlich - ist sie an ihr Umfeld gebunden und kann es sich daher nicht immer leisten, ihren Kopf durchzusetzen. Den Zwiespalt, in dem sie sich befindet, konnte ich sehr gut nachvollziehen. Ihr Mann Jack ist nicht weniger davon betroffen, doch es ist offensichtlich, dass er Honor liebt und seine Taten, vor allem gegen Ende des Romans, beweisen dies. Beide Charaktere haben eine starke Entwicklung durchlaufen und sich schließlich emanzipiert.

Die meisten tragenden Personen sind Frauen. Sie sind verschiedensten Alters und Herkunft und haben unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen vom Leben. Dadurch entsteht ein fesselnder und lehrreicher Querschnitt durch die Gesellschaft einer kleinen antisklavischen Siedlung. Donovan, der Sklavenjäger und Bruder einer Aktivistin der Underground Railroad, kann als Antagonist des Romans bezeichnet werden, obwohl es einen Moment der Schwäche gibt. Auch für ihn hatte ich Mitgefühl, denn Chevalier stellt deutlich heraus, dass Donovan ein Gefangener seiner selbst ist. Dass die Hilfe, die ihn zu einem besseren Menschen machen könnte, ihm verweigert wird empfand ich als äußerst tragisch. 

Den Titel des Romans habe ich zunächst missverstanden und dachte, es ginge um eine Frauenfreundschaft. Der Begriff der "Freundin" bezieht sich jedoch auf die Religion der Quäker, die Mitglieder ihrer Gemeinde als "Freunde" bezeichnen. Ich fand es interessant, von den Quäkern und ihren Gebräuchen zu lesen und ich muss sagen, ich finde diesen Zweig des Christentums sehr sympathisch. Die Vorstellungen eines guten Lebens sind schlicht und genügsam. Quäker verabscheuen die Lüge und ihre Gottesdienste sind stumme Andachten, eher eine Mediation ähnlich.

Der Leser erhält Einblick in diese Religion und lernt sie in ihren Grundzügen kennen. Auch andere Gebräuche der damaligen Zeit werden teils sehr detailiert beschrieben, so zum Beispiel das Quilten. Das Nähen an diesen Steppdecken zieht sich durch den ganzen Roman und verbindet die Menschen miteinander selbst über Meere hinweg. So hat Honor zum Beispiel zum Abschied aus England einen Quilt genäht bekommen, in dem sich die Frauen ihrer ehemaligen Gemeinde jeweils mit einem Patch verewigt haben.

Ich fand das Buch sehr spannend und auch lehrreich. Nach einigen Seiten der Eingewöhnung war ich davon gefesselt und auch wenn ich es nicht ganz so gut wie die anderen Bücher finde, die ich bereits von Chevalier gelesen habe, vergebe ich 5 von 5 Wolken für "Die englische Freundin".

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