Samstag, 16. Mai 2015

"Zu zweit tut das Herz nur halb so weh" von Julie Kibler




"Zu zweit tut das Herz nur halb so weh" von Julie Kibler

Verlag: Osterwold 
Format: Hörbuch, 6 CDs, 463 Minuten
ISBN: 978-3-86952-134-3
Preis: 22,50 € [D] 
Originaltitel: Calling me home (2013)

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Inhalt


Die 89-jährige Isabelle bittet ihre Friseurin Dorrie, sie zu einer Beerdigung in das mehrere Meilen entfernte Cincinnati zu fahren. Während der Fahrt erzählt Isabelle ihr ihre Lebensgeschichte, die alles andere als gewöhnlich ist. Denn Isabelle, eine Weiße, verliebte sich in den 1930er Jahren in einen Schwarzen - ein absolutes Tabu für ihre Mutter und die Gesellschaft. Dorrie, selbst dunkelhäutig, hilft diese Geschichte dabei, ihr eigenes Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken, denn in der letzten Zeit sind ihr ihr fast erwachsener Sohn und die vielen Männer, die sie enttäuscht haben, über den Kopf gewachsen.


Meine Meinung


Dieses Hörbuch, auf das ich zufällig gestoßen bin, war ein wahrer Glücksgriff. Es hat mich tief berührt und die Tragik der Geschichte, die in ihren Grundzügen damals sicher kein Einzelfall war, bewegt mich noch immer. Ich habe jetzt schon einige Tage an dieser Rezension herum geschrieben, doch irgendwie will sie mir nicht recht gelingen... Daher geht sie jetzt so online - ich denke, dass meine Begeisterung trotzdem rüberkommt ;)

Kibler ist mit diesem Roman eine einzigartige und sehr eindrückliche Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit gelungen. Im Grunde laufen zwei Lebensgeschichten parallel: die von Isabelle in den 1930er und 1940er Jahren und die von Dorrie, die aktuell so einige Probleme mit ihrer Familie hat, die ihr am Anfang der Reise nahezu unlösbar erscheinen.

So wie Isabelle Dorrie während der Autofahrt ihre Geschichte erzählt, wird sie auch dem Leser nur häppchenweise präsentiert, immer wieder unterbrochen von Ereignissen während der Reise und aus Dorries Leben, die sich untergründig mit der Vergangenheit zu verbinden scheinen. Ich hatte mehr als nur ein Mal Tränen in den Augen und vor allem das Ende hat mir schwer zugesetzt. Es kam für mich absolut unerwartet und war so tragisch, dass ich mich kaum beherrschen konnte. Wie viel Leid musste diese Familie erfahren und womit hatte sie das nur verdient?

Schwerpunkt des Romans ist der Abolitionismus und die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA noch Jahre nach Abschaffung der Sklaverei. Isabelles Heimatort Shalerville ist fiktiv, steht aber stellvertretend für die vielen anderen sogenannten Sundown Towns, die es noch bis in die 1960er hinein in den USA gab. In diesen Städten war es den Schwarzen unter Strafe verboten, sich nach Einbruch der Dunkelheit dort aufzuhalten, während sie tagsüber als Hausangestellte dort arbeiteten. Ehen zwischen Weißen und Schwarzen waren zwar in manchen Bundesstaaten per Gesetz erlaubt, ein solches Paar musste dennoch mit andauernder Schikanierung und nicht selten tödlichen Angriffen von Seiten der eigenen Familien rechnen. Warum und welche Ausmaße das annehmen konnte, zeigt der Roman.

Mir hat es sehr gefallen, dass Isabelle und Dorrie, die eigentlich grundverschieden sind, sich gegenseitig stützen und Halt geben. Für Isabelle ist Dorrie wie eine Tochter und ihr zu erzählen, was bisher kaum einer wusste, bringt ihre Seele wieder ins Gleichgewicht. Dorrie hingegen lernt viel über sich selbst und ihre Einstellung zum Leben, während sie Miss Isabelles - so nennt sie sie immer - Erzählungen zuhört und erkennt, dass sie eigentlich dankbar sein muss für alles, was sie hat und ist.

Gelesen wird das Buch von Nina Petri und Maja Schöne, von denen jeweils eine die aktuellen Geschehnisse und die vergangenen erzählt. Dass somit schon an der Stimme erkennbar ist, ob man sich gerade in der Gegenwart oder in Isabelles Vergangenheit befindet, fand ich sehr angenehm. Auch, dass die Gegenwart mit einer leicht kratzigen Stimme gelesen wird, die die einer alten Frau darstellen soll, hat mir gut gefallen. Als Isabelles Geschichte in der Gegenwart angelangt, wird auch diese Stimme brüchig und zweigt daher auf einer weiteren Ebene, dass die Protagonisten angekommen sind.

Ein fantastisches Buch in einer durch und durch gelungenen Hörbuchversion. Ich vergebe 5 von 5 Wolken.

Kommentare:

  1. Hallo,

    das Buch habe ich vor einer ganzen Weile gelesen und war auch begeistert. Mich hat das Ende ebenfalls kalt erwischt. So im letzten Drittel hatte ich verschiedene Theorien, um wen es gehen könnte, aber jedes mal kam dann eine Erzählpassage, wonach diese wieder umgestoßen wurde. Und dann das. Soo traurig.

    Und die Figuren waren alle so wunderbar lebendig und kitschfrei beschrieben. Hatte ich schon erwähnt, dass ich das Buch mag?

    Liebe Grüße
    Meike

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    1. Ja genau, ich hatte auch einige Theorien, die sich alle nicht bewahrheitet haben. Genial gemacht. Ich habe mich total in das Buch verliebt und denke, ich werde es bei Gelegenheit kaufen ;) (ich hatte es aus der Bibliothek)

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)