Dienstag, 9. Juni 2015

"Der Fremde" von Albert Camus

"Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Ich habe ein Telegramm vom Heim bekommen: "Mutter verstorben. Beisetzung morgen. Hochachtungsvoll." Das will nichts heißen. Es war vielleicht gestern. Das Altersheim ist in Marengo, achtzig Kilometer von Algier entfernt. Ich werde den Bus um zwei nehmen und nachmittags ankommen. Auf die Weise kann ich Totenwache halten und bin morgen Abend wieder zurück. Ich habe meinen Chef um zwei Tage Urlaub gebeten, und bei so einem Entschuldigungsgrund konnte er sie mir nicht abschlagen. Aber er sah nicht erfreut aus."



"Der Fremde" von Albert Camus

Originaltitel: L'Étranger (1942)
Bei der von mir gelesenen Ausgabe (nicht die abgebildete) handelt es sich um die
Neuübersetzung von Uli Aumüller von 1994

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Inhalt


Algerien in den 1930ern: der Büroangestellte Meursault wird Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen seinem Nachbarn und einem Araber. Als er den Araber später alleine trifft fühlt er sich von ihm bedroht und erschießt ihn. Er scheint kein Gewissen zu haben und vor Gericht gibt er sich gleichgültig. Erst in seiner Zelle beginnt er, sich näher mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen.


Meine Meinung


Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, als ich dieses Buch begann. Meine Freundin hat es mir mit den besten Empfehlungen geliehen und da ich für alles offen bin, ließ ich mich darauf ein.

Das Buch war leichter zu lesen als gedacht und die Sprache ist unerwartet leicht und modern. Obwohl die Thematik schwer ist und sich viel Ungesagtes zwischen den Zeilen versteckt, lesen sich die Kapitel schnell und ohne große Mühe. Wie schon angedeutet ist es aber vor allem das, was zwischen den Zeilen steht, das von Bedeutung ist.

Von Anfang an auffällig ist die Gleichgültigkeit des Protagonisten. Er ist etwa 30 Jahre alt und hat kaum Freunde und Bekannte. Seine Mutter brachte er mangels Geld um sie zu Hause zu pflegen in ein Heim, scheint sie aber nur selten besucht zu haben. Ihr Tod scheint ihn nicht zu berührern. Er weiß nicht mal ihren Todestag und scheint sich auch nicht dafür zu interessieren, wie schon die ersten Zeilen zeigen.

Seiner Freundin gegenüber verhält er sich ebenfalls auffällig passiv. Er sagt ihr ganz offen, dass das nichts heißen wolle, dass er sie aber zweifellos nicht liebe (S. 46), und auf ihre Frage, ob er sie heiraten wolle antwortet er, es sei ihm egal und sie könnten es tun, wenn sie es wollte (ebd). Ähnlich verhält es sich, als sein Chef ihn fragt, ob er interesse daran hätte, eine Filiale in Paris zu leiten - er sagt schlicht, dass es ihm egal ist, was dem Chef natürlich nicht imponiert.

Aus diesem Verhalten spricht andererseits auch ein hoher Grad an Ehrlichkeit. Meursault sagt, was er denkt, ohne sich darum zu kümmern, was andere von ihm erwarten könnten. Diese Eigentschaft ist es dann auch, die ihm die Freundschaft seines Nachbarn Raymond zusichert, über die er in die Ereignisse hineingezogen wird, die ihm letztendlich die Todesstrafe einbringen.

Obwohl Meursault aktiv und selbstbestimmt handelt (beim Mord an dem Araber ist er nämlich alleine) erschien es mir, als sei Meursault ein Opfer der äußeren Umstände, seiner Ehrlichkeit und seinem Pflichtbewusstsein. Damit meine ich nicht den Mord selbst, sondern die Ereignisse, die dorthin führten.

Mit "Der Fremde" zeichnet Camus symbolisch die Entwurzelung einer vom Krieg traumatisierten Generation auf, sagt der Klappentext in meiner Ausgabe. Hisorisch habe ich zu wenig Kenntnis dieses Thema betreffend und wortwörtlich konnte ich einen solchen Bezug im Roman nicht finden. Meursault stellvertretend für die entwurzelte Nachkriegsgeneration zu deuten macht zwar Sinn, heutzutage kann man meiner Meinung nach aber noch weiter gehen und die Deutung auf die moderne Gesellschaft ausdehnen. Die "Ist mir egal"-Mentalität tritt heutzutage nämlich ganz deutlich hervor, vor allem bei der Jugend.

Vielleicht liege ich mit meiner Einschätzung völlig falsch, andererseits ist Literatur ja da, um zum Nachdenken anzuregen über eigene Einstellungen und deren Folgen. Ich habe den Roman jedenfalls gerne gelesen und er bot mir reichlich Stoff für Überlegungen - und tut es noch immer. Ich vergebe 4 von 5 Wolken.

Kommentare:

  1. Ich musste das Buch in Französisch vor 2 Jahren oder so lesen und ganz ehrlich: Grausam geschrieben, ich mag Camus nicht (naja, mochte ihn noch nie) und komme gar nicht mit seinen Büchern klar..

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    1. Danke für deinen Kommentar. Auf Französisch hätte ich wohl auch keinen Gefallen an dem Buch gehabt (zumal ich kein französisch spreche weil es mir in der Schule vergrault wurde), aber auf Deutsch konnte ich doch einiges daran entdcken, was mir gefallen hat. Es ist bisher das einzige Buch von Camus, daher kann ich nicht mehr dazu sagen. Doch ich kann mir gut vorstellen, dass sie da die Geister scheiden.

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  2. Danke für die schöne Rezi - das Buch steht auch schon ewig auf meiner Wunschliste. Aber bisher habe ich immer anderes vorgezogen. Jetzt ist es definitiv weiter nach oben gerutscht :)

    LG Cat

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)