Dienstag, 16. Juni 2015

"In die Wildnis. Allein nach Alaska" von Jon Krakauer

"Vier Meilen hinter Fairbanks sah Jim Gallien den Tramper. Er stand schlotternd im Schnee am Straßenrand, den Daumen in das fahle Morgengrauen Alaskas gereckt. Er schien noch recht jung zu sein: achtzehn, höchstens neunzehn. Aus seinem Rucksack ragte ein Gewehr, aber er machte einen ganz freundlichen Eindruck. Im neunundvierzigsten Staat ist ein Tramper mit einer halbautomatischen Remington kein ungewöhnlicher Anblick. Gallien hielt an und bedeutete dem Jungen, einzusteigen. Der Tramper warf seinen Rucksack auf die Ladefläche des Fords und sagte, daß er Alex hieß."



"In die Wildnis" von Jon Krakauer

Verlag: Piper (2000)
Format: TB, 302 Seiten
ISBN: 3-492-22708-2
Originaltitel: Into the Wild  (1996)

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Inhalt


1990-92: Chris McCandlass hält es in der zivilisierten Welt nicht mehr aus und die Verlogenheit und Heuchelei seiner Eltern zehrt an ihm. Kurz nachdem er sein Studium abgeschlossen hat, spendet er sein Erspartes einer Hilfsorganisation und bricht ins Blaue auf. Das große Ziel: Alaska. Unterwegs trifft er viele Menschen, die ihn als freundlich und hilfsbereit in Erinnerung haben. Jon Krakauer trägt ihre Erzählungen in diesem Buch zusammen und verbindet sie mit anderen Geschichten vom Leben in der Wildnis.


Meine Meinung


"In die Wildnis. Allein nach Alaska" ist eine Mischung aus Biografie, Geschichtsbuch und Reiseführer. Beim Lesen spürt man den Duft der Freiheit und der Unabhängigkeit. Fernweh nicht ausgeschlossen.

In diesem Buch findet man die von Jon Krakauer recherchierte Geschichte des jungen Amerikaners Chris McCandless alias Alexander Supertramp. Er trug sie aus Augenzeugenberichten und anderen, meist spärlichen Informationen zusammen. Um Chris' Beweggründe besser zu verstehen portraitiert Krakauer auch andere mehr oder weniger bekannte Aussteiger wie Everett Ruess kurz und zeigt deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu der Geschichte von Chris auf. Auch Anekdoten aus seinem eigenen Leben bringt Krakauer ein, was das Buch sehr persönlich und damit noch berührender macht.

Eingeleitet wird jedes Kapitel mit mehreren passenden Zitaten unter anderem von Thoreau, den Chris verehrte. Auch Briefausschnitte oder von ihm selbst markierte Stellen in Taschenbüchern zeigen, dass Chris ein intelligenter Junge gewesen ist. Seine philosophischen Gedanken sind tiefgründig, wenn auch nicht immer ausgereift, wie Krakauer ans Licht bringt. Doch welcher Mittzwanziger kann schon von sich behaupten, die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben?

Etwas schwer tat ich mich mit der zeitlichen Anordnung, denn Krakauer geht nicht immer linear vor. Dass Chris' Geschichte außerdem immer wieder von anderen Erzählungen unterbrochen wurde, selbst wenn diese seine Biografie unterstreichen, sorgte manchmal für Verwirrung, doch dass ich den Film kannte und mich daran entlanghangeln konnte, half mir darüber hinweg. Wie sich herausstellte, darf man dem Film aber auch nicht zu sehr trauen.

Der Film "Into the Wild", der auf dem Buch basiert, kannte ich schon seit längerem und dachte, dadurch alles Wissenswerte über den sympathischen Aussteiger Chris McCandless zu wissen. Jetzt weiß ich jedoch, dass der Film weit weniger genau ist als das Buch und dass manche Tatsachen sogar, vermutlich immer Sinne eines besser überblickbaren Filmerlebnisses, abgeändert wurden.

Das finde ich schade und zum Teil auch ärgerlich, denn manches wirft ein ganz anderes Licht auf die Ereignisse. So dachte ich zum Beispiel bisher, dass Chris tatsächlich eine essbare mit einer giftigen Pflanze verwechselt hatte. In Wirklichkeit war es aber wohl so, dass Chris die Samen der essbaren Pflanze aß, die jedoch im Sommer toxisch wirken, was selbst der Wissenschaft zu dem Zeitpunkt noch unbekannt war. Für mich persönlich macht das einen großen Unterschied und ich kann nicht ganz nachvollziehen, wieso das während des Films oder zumindest im Abspann nicht richtiggestellt wurde.

Möchte man sich über das Leben und Sterben von Chris informieren, ist das Buch also definitiv die bessere Wahl. Ich fand es sehr interessant, die ganzen Zusammenhänge zu anderen Gegebenheiten zu entdecken und habe Chris besser kennengelernt, als es mir der Film ermöglicht hat. Ich vergebe 5 von 5 Wolken und mache es damit im Sinne meines Bewertungssystems zu einem Lieblingsbuch.

Kommentare:

  1. Das Buch habe ich vor längerer Zeit gelesen und fand es einfach super. Dass es einen Film dazu gibt, war mir völlig neu. Danke!
    LG Antje

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    1. Der Film ist auch sehr gut - nur nicht ausreichend, wenn man sich ein Bild von McCandless machen will. Aber da du das Buch ja schon gelesen hast, ist der Film eine gute Ergänzung. Die Bilder und die Filmmusik sind einfach der Hammer ♥

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  2. Wir mussten das Buch in der Schule lesen und ich habe es bis zur letzten Seite gehasst. Aber vielleicht sollte ich ihm nochmals eine Chance einräumen?

    LG, Julia

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    1. Oh je, da hast du ja dann ganz schlechte Erfahrungen mit dem Buch gemacht... Ich weiß ja nicht, wie lange das her ist, aber ich denke, das Buch hat auf jeden Fall eine zweite Chance verdient. Oft muss nur ein bisschen Zeit vergehen, um etwas in einem anderen Licht zu sehen. Und wenn man in der Schule "gezwungen" wurde, etwas zu lesen, geht man vielleicht auch von vornherein anders an die Sache ran.

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  3. Den Film kenne ich zwar nicht, aber solche Bücher lese ich ab und zu sehr gern. Das merke ich mir gleich! Danke für die Vorstellung.

    LG Nicole

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)