Donnerstag, 30. Juli 2015

"Dschungelkind" von Sabine Kuegler

"Vor einigen Jahren fragte mich eine Bekannte, ob ich nicht Lust hätte, ein Buch über mein Leben zu veröffentlichen. Ich verstand damals nicht recht, was an meinem Leben denn so interessant sein sollte, dass irgendjemand darüber würde lesen wollen. Ich hatte selten über meine Kindheit gesprochen oder woher ich eigentlich kam. Stattdessen versuchte ich jahrelang, mich anzupassen und so zu werden wie jeder normale Mensch in meinem Umfeld. Eine Kultur und ein Leben anzunehmen, die mir im Grunde fremd sind."



"Dschungelkind" von Sabine Kuegler

Verlag: Knaur (2006)
Format: TB, 344 Seiten
ISBN: 978-3-426-77873-9
Preis: 8,95 € [D] 

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Inhalt


Sabine verbringt ihre Kindheit und frühe Jugend im Dschungel West Papuas, wo ihre Eltern als Sprachforscher bei einem Eingeborenenstamm leben. Für sie ist es das Paradies auf Erden und den Gefahren, die im Dschungel lauern, ist sie sich oft gar nicht bewusst. Erst Jahre später, als sie wieder in der westlichen Welt lebt, reflektiert sie die damalige Zeit. Ihre Gedanken und Erinnerungen teilt sie in diesem berührenden Roman.

Meine Meinung


Diesen Roman habe ich vor Jahren schon einmal gelesen und er hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Jetzt, beim zweiten Lesen, ist mir jedoch aufgefallen, dass ich einige Details vergessen hatte, die jedoch wichtig für das Verständnis der Geschichte Sabine Kueglers sind.

"Dschungelkind" ist ein autobiographischer Roman, in dem Kuegler ihre Kindheitserinnerungen Ende des 20. Jahrhunderts niederschreibt, verbunden mit eindrucksvollen farbig gedruckten Fotos. Ich war wie gebannt von ihren Erzählungen und den Abbildungen, denn solche Geschichten haben mich schon immer fasziniert. Die Kapitel sind kurz und behandeln immer eine bestimmte Erinnerung Kueglers. Sie scheinen dabei nicht immer chronologisch geordnet zu sein, folgen im Großen und Ganzen aber dennoch dem Verlauf der Jahre.

Kueglers Roman ist nicht von effektheischender Spannung und Dramatik geprägt, sondern schildert meist das ganz alltägliche Leben dort. Vor allem beschreibt sie das Leben der Kinder, ihres und das ihrer beiden Geschwister sowie das der Stammeskinder. Ihre ältere Schwester Judith hat mir an vielen Stellen sehr leid getan, denn es ist offensichtlich, dass sie nicht sehr glücklich mit ihrem Wohnort war. Sabine und ihrem jüngeren Bruder fällt es dahingegen auffallend leicht, sich an das Leben im Dschungel anzupassen und aus allem einen großen Spielplatz zu machen.

Kuegler geht jedoch auch auf die Arbeit ihrer Eltern ein - das Studieren der Sprache und der Versuch, die medizinische Versorgung zu verbessern - und beschreibt die Gebräuche und Rituale des Eingeborenenstammes, was dem Leser eine andere Sicht auf die Welt ermöglicht. Man erfährt über einen für uns unvorstellbaren Totenkult, die Leichen in den Hütten verwesen zu lassen und ihre Knochen dann mit sich herumzutragen, oder über die Blutrache, die den Stamm fast ausgerottet hätte. Mir hat es sehr gefallen, wie es den Eltern Kuegler gelungen ist, zwischen den feindlichen Stämmen zu vermitteln ohne missionarisch und beherrschend aufzutreten.

Natürlich führen Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kueglers und dem Stamm hin und wieder auch zu gefährlichen Situationen, und auch giftige Tiere, Krankheiten oder Unwetter bedrohen die Familie. Doch wie gesagt schreibt Kuegler stets angenehm nüchtern darüber und wertet nicht, was dem Roman meiner Meinung nach große Authentizität verleiht.

Das, was mir beim ersten Lesen vor einigen Jahren vollkommen entgangen ist, hat mich dieses Mal besonders berührt: nämlich den schweren Kulturschock, den Kuegler erleidet, als sie zurück in die westliche Welt kommt und der sie schließlich sogar über Selbstmord nachdenken lässt. Ich finde es sehr mutig von ihr, über die Gefühle und Ängste der damaligen Zeit zu sprechen, die ich jetzt, nachdem ich selbst gereist bin und die Schwierigkeiten der Akklimatisierung erlebt habe, viel besser nachvollziehen kann.

Dass sie im Grunde von nichts eine Ahnung hat, als sie in die Zivilisation zurückkehrt - von der Fahrt mit Zügen, von Zwischenmenschlichem und gesellschaftlichen Konventionen oder von Schwangerschaftsverhütung - beschäftigte mich sehr. Man kann sich fragen, wie die Eltern es verantworten konnten, ihre Tochter so unvorbereitet in die Welt zu entlassen, und ich wäge selbst immer noch ab, ob die unermesslichen Erfahrungen, die Kuegler in ihrer Kindheit gemacht haben, ihre Schwierigkeiten, als Erwachsene Fuß zu fassen, aufwiegen. 

Ich vergebe 4 von 5 Wolken für "Dschungelkind" und werde bei Gelegenheit auch die anderen Bücher aus Kueglers Feder lesen, denn es interessiert mich sehr, was aus dem Stamm geworden ist und wie sie selbst ihr Leben in der westlichen Welt gemeistert hat.

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