Mittwoch, 1. Juli 2015

"Lexikon der Angst" von Annette Pehnt

"Aal   Ein Glas Milch ist eine Mahlzeit, hat schon die Großmutter behauptet. Deswegen gab es Milch nicht zum Essen, denn eine Mahlzeit genügt. Am Nachmittag, wenn sie vom Spielen kam, die Rufe der anderen Kinder noch in der dämmrigen Luft, wusch sich die Großmutter die Hände, wischte sie an der Schürze ab und stellte ein frisch gespültes Glas vor sie auf den Tisch. Jetzt ist es Zeit, sagte die Großmutter, du hast Hunger. Es war keine Frage, sie wusste es."



"Lexikon der Angst" von Annette Pehnt

Verlag: Piper (2013)
Format: HC, 176 Seiten
ISBN: 978-3-492-05613-7
Preis: 17,99 € [D] 

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Klappentext


Annette Pehnt ergründet unsere Ängste - wie sie uns auf Schritt und Tritt verfolgen, uns lächerlich machen und todtraurig, hellwach und zutiefst unsicher.


Meine Meinung


Dieses ungewöhnliche Buch wird seinem Namen gerecht. In kurzen Kapiteln, deren Überschriften nach dem Alphabet geordnet sind, beschreibt Pehnt kleine Szenen aus dem Alltag gewöhnlicher Menschen, in denen sie sich mit unterschiedlich gearteten Ängsten herumschlagen.

Da gibt es den Angestellten, der Angst vorm Autofahren hat oder die Mutter, die um ihr krankes Kind bangt. Namen werden jedoch nie genannt, sodass zum Einen ein Gefühl von Anonymität herrscht, zum Anderen aber auch keine Grenze zwischen dem Leser und den Figuren geschaffen wird. Es könnte quasi jeder sein, von dem die Rede ist. Der Nachbar, die Vorgesetzte, man selbst.

Dass sie "unsere Ängste" ergründet, wie der Klappentext verspricht, darf man jedoch nicht zu wörtlich nehmen. Es handelt sich hier nicht um ein Lebenshilfebuch. Vielmehr zeigt Pehnt verschiedene Nuancen alltäglicher Ängste auf, wie sie jedem von uns in unterschiedlichen Ausprägungen begegnen könnten. In manchem habe ich mich wieder erkannt - zum Beispiel die Angst, den Herd nicht ausgemacht zu haben -, manches konnte ich gar nicht nachvollziehen oder ich fragte mich, wovor genau jetzt die Person Angst hat.

Pehnt schreibt knapp aber prägnant, erfasst Emotionen genau und schafft es, diese realitätsnah wiederzugeben. Der monologische Stil mit den vielen nur durch Kommas getrennten und häufig springenden Gedankengängen sorgt für ein schnelles Lesetempo und verdeutlicht die Atemlosigkeit, die entsteht, wenn wir uns von unseren Ängsten gehetzt fühlen. Dadurch fiel es mir aber auch schwerer,  inne zu halten und den Gefühlen nachzuspüren, die Pehnt aufs Papier gebracht hat.

Insgesamt ein nettes und teils berührendes Buch, das manchmal etwas abstrus daher kommt. Doch unsere Ängste sind so vielschichtig wie wir selbst, was dieses Buch beweist. Ich vergebe 3 von 5 Wolken.

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