Samstag, 26. September 2015

So ein Theater! Gut gegen Nordwind

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Gestern war ich in der Theaterinszenierung des Romans "Gut gegen Nordwind" von Daniel Glattauer. Es war seit langem das erste Mal, dass ich freiwillig und völlig selbstmotiviert eine Theateraufführung besucht habe. Musicals? Immer gerne! Aber schon bei Opern wird es kritisch, da ich bisher nur an Inszenierungen geraten bin, die klassische Stücke in einen modernen Rahmen gezwungen haben. Mein Paradebeispiel: Mozarts Königin der Nacht als Alkoholikern! Ich fürchte, diese Neuinterpretation hat mir die Lust auf einen Opernbesuch auf ewig verdorben. 

Auch mit der modernen Kulisse von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" konnte ich nicht viel anfangen, als ich vor Jahren im Wiener Theater saß - voller Vorfreude wohlgemerkt, denn auch wenn ich das Buch nicht kannte, so hatte ich zumindest den Film gesehen und sehr gemocht. 

Aber mit dem Plakat für "Gut gegen Nordwind" wurde alles anders. Der Roman hat vor zwei Jahren volle fünf Wolken abgestaubt und ich dachte mir, bei einem modernen Roman könne man ja mit einer modernen Inszenierung nichts versauen. Letztenendes war es dann der verführerische Studentenrabatt, der mich davon überzeugte, dem Theater noch eine Chance zu geben. 

Das kleine Theaterhaus wirkte gemütlich und das familiäre Ambiente überzeugte mich sofort, trotzdem war ich überrascht von dem kleinen Zuschauerraum, der mich eher an die Kleinkunstbühne meiner Heimatstadt erinnerte. Doch die Irritation war schnell vergessen als das Stück begann. Das zweigeteilte Bühnenbild war liebevoll aufgebaut und unterstützte die Charaktere durch stereotype Elemente, in denen Kenner sofort die Welten der beiden Hauptcharaktere erkannten. Er, Leo, in einer an eine Studentenbude erinnernde Singlewohnung mit Hochbett und Bistro-Tisch; Sie, Emmi, in einem Wohnzimmer mit einem gemütlichen roten Sofa und sogar einer Schaukel. 

Ich hatte mich schon gefragt wie man denn bitteschön einen auf Emails basierenden Roman auf einer Bühne realisieren konnte, doch nach den ersten paar Worten war ich überzeugt davon, dass es funktionieren konnte. Die Schauspieler Jürgen Weber und Tatjana Mayer sprachen ihre Emails an den jeweils anderen einfach ins Publikum, wodurch sich etwas wie ein Dialog entwickelte. Anfangs wurde die Distanziertheit noch durch die Beleuchtung verdeutlicht, die abwechselnd einen der Räume hervorhob. Später, als sich die Beziehung vertiefte, war die Bühne ganz beleuchtet und die Schauspieler sprachen zueinander wie durch ein Telefon. Teilweise betraten die Schauspieler dann auch das Reich des anderen und verdeutlichten so die zunehmende Nähe und Vertrautheit.

Die Schauspieler machten ihre Sache sehr gut und wirkten durch Mimik und Gestik der den Emails geschuldeten teilweisen Emotionslosigkeit entgegen. Auch der Humor kam nicht zu kurz, denn trotz allem sollte das Stück eine Liebeskomödie sein. Ich persönlich konnte mich mehr für den charismatischen Jürgen Weber erwärmen, der ein besonderes Talent dafür hat, mit Blicken und Gesichtsausdrücken zu sprechen. Oft konnte ich kaum den Blick von ihm wenden und mich wieder Tatjana Mayer zuwenden, die die aufgedrehte und teils kindische Emmi verkörperte. Sie berührte mich weit weniger, hatte für mich weniger Ausdruck, was aber auch an ihrer Rolle gelegen haben kann, und verhaspelte sich öfters oder verschluckte Worte, was mich irritierte. Außerdem hatte sie diese Eigenart an sich, bei der sich mir immer die Fußnägel kräuseln, nämlich ein scharfes 's' wie ein stimmhaftes auszusprechen. Also zum Beispiel "interessiert" mit einem 's' wie in "Häuser", oder "Sex" mit einem 's' wie in "Sechs". Uaaaaah. Ich weiß nicht, warum ich dagegen so eine Aversion habe :D

Untermalt und unterstützt wurden die Schauspieler von teilweise sogar live gespielter Musik. Die Pianistin und die Cellistin überbrückten kleinere dem Drehbuch geschuldeten Pausen und stimmten auf das Folgende ein. Die traurigen und melancholischen Melodien wurden langsam zu fröhlichen und heiteren Liedern und spiegelten so die Innenwelt der Charaktere wider. Am Ende waren es dann wieder die anfänglichen Akkordfolgen und so schloss sich der Kreis. Auch die Stücke vom Band waren passend gewählt, doch was mich bei beiden störte war das abrupte Abbrechen. Ich weiß nicht, ob das vielleicht eine bestimmte Bedeutung haben sollte, aber eigentlich muss doch jeder, der in diesem Bereich arbeitet, wissen, dass Musik "outgefadet" werden muss!

Für diesen für mich sehr unangenehmen Fauxpas entschädigt hat dann aber das von Jürgen Weber kurz vor Schluss gesungene und selbst auf der Gitarre begleitete Stück "All of Me" von John Legend. Es milderte zum einen den harten Schluss des Stücks ab und entließ die Zuschauer so trotz allem mit einem guten Gefühl in den Abend. Zum anderen fasste es nochmal alle Gefühle des Abends zusammen und verursachte mir und sicher auch vielen anderen Zuschauern eine Gänsehaut.

Nach endlos scheinendem Applaus verabschiedete Jürgen Weber das Publikum mit einem Ausblick aufs nächste Jahr, in dem die Fortsetzung "Alle sieben Wellen" gespielt werden wird. Wer sich an meine Rezension erinnert weiß, dass ich nicht sonderlich begeistert von dem zweiten Teil war und ihn im Grunde für unnötig halte. Doch vielleicht werde ich mir das Stück dennoch ansehen - jetzt, wo ich mich wieder fürs Theater begeistern kann :)

Kommentare:

  1. Ich habe das Stück vor einigen Jahren hier in Berlin gesehen, in anderer Besetzung, aber ich war ähnlich wie Du so neugierig, wie man diesen ja schon als Roman sehr ungewöhnlichen Text auf eine Theaterbühne bringen wollte! Und die Inszenierung, die wir gesehen hatten, war einfach irre toll. Ich war ja schon in das Buch ganz schrecklich verknallt, aber das Theaterstück hat wirklich nochmal gut nachgelegt. Bei uns gab es zwar keine Live-Musik, aber die Texte wurden auch quasi in den Raum gesprochen und die Bühne war ebenfalls in zwei Hälfte geteilt, Emmi und Leo agierten dann jeweils in ihrer Hälfte, ohne den anderen wahrzunehmen, das war schon spannend anzusehen. Irgendwie toll, dass das Buch immer noch und immer wieder aufgeführt wird, eigentlich gibt es viele tolle moderne Theaterstücke, aber ich nehme mir auch viel zu selten mal die Zeit, nach einem Stück Ausschau zu halten. ;)

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    1. Wie schön, dass es dir auch so gut gefallen hat! Wie war denn bei dir das Ende gestaltet? Wie gesagt fand ich die Abschwächung durch das gesungene Lied am Schluss sehr schön. Das half einem irgendwie über das doch recht düstere Ende hinweg.

      Oh ich bin sicher, dass es viele moderne Theaterstücke gibt, die mir gefallen würden! Das selbe Ensemble führt hier zum Beispiel gerade auch "Die Wunderübung", ebenfalls von Glattauer, auf. Das wäre auch etwas für mich, denke ich. Jetzt ist ja zumindest mal der Grundstein für meine Theaterbegeisterung gelegt :)

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    2. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, ob bei uns auch gesungen wurden?! Wurde da gesungen? Hm, nein, ich glaube nicht... Aber ich weiß nocht, dass ich am Ende echt platt war, auch wenn man das Ende vom Buch ja schon kannte. Es hat einen wieder ganz schön mitgenommen, man ist so in der Geschichte drin...

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  2. Das ist doch mal ein sehr schöner Bericht, danke dafür! Ich liebe "Gut gegen Nordwind" und auch "Alle sieben Wellen" konnte mich total überzeugen, ich hab beide Bücher quasi inhaliert und würde auch sehr gerne eine Theater-Umsetzung davon sehen. Ich hab in meiner Nähe aber bisher noch keine gefunden aber du machst mich wirklich neugierig darauf.

    Dass die Musik nie mit einem Fade out beendet wurde hätte mich sicher auch gestört! Ansonsten klingt die Inszenierung aber wirklich toll.

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    1. Dann wünsch ich dir, dass du "Gut gegen Nordwind" auch mal in deiner Nähe zu sehen bekommst! Oder du verbindest es mit einem Städtetrip in eine Stadt, wo es gespielt wird ;)

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)