Sonntag, 25. Oktober 2015

"Freilaufende Männer" von Gernot Gricksch

"Der Tisch wird weich. Ich kralle mich mit den Händen in die Tischplatte, doch sie sabscht unter meinen Fingern weg, als hätte sie sich von einer Sekunde auf die andere in Schmelzkäse verwandelt. Ich schwitze. Der Schweiß läuft mir über das Gesicht, als würde es Salzwasser regnen. Und während ich so dasitze, starr vor Angst, während meine Finger in dieser elenden Tisch-Scheiblette versinken und meine Knie von einem Augenblick auf den anderen zwar zu zittern aufhören, dafür aber gar nicht mehr zu existieren scheinen, einfach verschwinden, sich in Luft auflösen, während ich also völlig die Kontrolle verliere, höre ich aus weiter Gerne, duch einen trüben Nebel aus verschwommenen Bildern und leisem Summen und Brummen, Maltes Stimme."


"Freilaufende Männer" von Gernot Gricksch

Verlag: Knaur (2006)
Format: TB, 365 Seiten
ISBN: 978-3-426-63213-0
Preis: 8,95 € [D] 
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Inhalt


Die Freunde Thomas, Jens und Malte freuen sich schon lange auf ihren Männerurlaub in einem Ferienhaus in Schweden. Jeder von ihnen hofft, in der Ruhe und Abgeschiedenheit einen Weg aus der Midlife Crisis zu finden, die sich bei ihnen ganz unterschiedlich äußert. Doch als zwei Frauen auftauchen, versinkt der Urlaub im Chaos.


Meine Meinung


Wie schon in einem meiner "Gemeinsam Lesen"-Posts erwähnt habe ich dieses Buch gelesen, um den Buchstaben 'T' in Favolas ABC-Challenge abhaken zu können. Außerdem habe ich schon einmal ein Buch von Gernot Gricksch gelesen, das mir sehr gefallen hat.

Ich war kritisch, ob mir das Buch gefallen würde, da Aufmachung, Titel und Inhalt eine sehr klischeehafte Behandlung von Männern und Frauen erahnen ließ. Die erste Hälfte des Buches hat mich dann aber positiv überrascht. Man lernt die Freunde Thomas, Malte und Jens kennen, alles Männer "in den besten Jahren", die mit verschiedenen Problemen zu kämpfen haben - bzw. vor diesen davon laufen.

Jens' Frau hat herausgefunden, dass er eine Affäre hat, und stellt ihm ein Ultimatum. Auch seine Geliebte Karin fordert eine endgültige Entscheidung von ihm. Der Unternehmer Malte steht kurz vor dem Bankrott und wird bald Opa - beides Dinge, die sich nicht mit seinem jugendlichen und exklusiven Lebensstil vereinen lassen. Und der Hypochonder und trockene Alkoholiker Thomas hält sich für beziehungsunfähig und schlittert der Arbeitslosigkeit entgegen. Wenn er es doch endlich schaffen würde, seine One-Man-Show fertig zu schreiben...

Die Beschreibung der aktuellen Situation der Männer hat mir sehr gut gefallen. Ich empfand sie als sehr tiefgründig und ehrlich, außerdem kommt trotz allem der für Gricksch typische Humor nicht zu kurz. Ich fand es interessant, diese so verschiedenen Männer kennzulernen, die alle irgendwie in einer Midlife Crisis stecken zu scheinen, die für mich als weibliche Mittzwanzigerin ein abstrakter Begriff ist. Bis zu dem Zeitpunkt, als die Männer in Schweden ankommen, wo sie einen schon lange geplanten Urlaub in einem Ferienhaus verbringen wollen, dachte ich, dass ich dem Buch unrecht getan hatte, und das Titel und Inhaltsangabe dem Roman nicht gerecht würden. Doch dann kam die Wendung.

In Schweden tauchen nämlich zwei Frauen auf, die für Verwirrung und Streit sorgen - und für eine Menge unangenehmer Klischees. Malin ist Besitzerin eines Supermarktes in der Nähe des Ferienhauses und wird von Malte sofort zur Beute erklärt. Nach einem Tanzabend, an dem sie sich jedoch Thomas zugewendet hat, verliebt sich dieser in sie und zwischen den Männern beginnt ein Kampf um Malin. Ich weiß nicht - gibt es sowas zwischen Männern wirklich? Ich fand das ganze ziemlich bescheuert, außerdem hat sich Malte absolut nicht fair verhalten. Auch Malin mochte ich, obwohl unabhängig und selbstbewusst, kein bisschen.

Noch schlimmer fand ich jedoch Karin, Jens' Geliebte, deren Auftauchen den rustikalen Männerurlaub in den Augen der Männer ruiniert. Sie verhält sich wie ein Heimchen, macht das Frühstück, richtet Wurst und Käse auf Tellern an, währen die Männer gewöhnt sind, einfach die Packungen auf den Tisch zu stellen, kauft Kräuter und Gewürze ein und zaubert aus schlichten Zutaten traumhafte Menüs. Ich habe mich sehr über sie geärgert, noch mehr aber über die Männer, denen Gricksch diese ganzen Klischeehaften Gedanken eingegeben hat - die aber wohl tatsächlich in den Köpfen vieler Menschen verankert sind.

Zu diesem Zeitpunkt hätte ich das Buch fast weggelegt, habe mich dann aber zum Weiterlesen gezwungen. Es ging dann auch wieder etwas bergauf, und gegen Ende des Romans wird die Geschichte sogar unerwartet dramatisch. Thomas baut einen Autounfall, der Blut auf dem Unfallwagen hinterlässt, jedoch kein Opfer. Hat er etwa Max auf dem Gewissen, diesen unheimlichen Nachbar mit der grausamen Vergangenheit? Die letzten Kapitel sind noch einmal sehr spannend, bevor das Buch in einem leicht kitschigen, doch nicht ganz unrealistischen Ende ausläuft.

Insgesamt kann ich dem Buch jetzt leider doch nicht mehr als 2 von 5 Wolken geben. Ich hätte es wissen müssen, denn man sieht es dem Buch an, dass es voller Klischees ist. Doch wie gesagt, ich brauchte noch den Buchstaben 'T', und bis zur Mitte fand ich es ja auch ganz in Ordnung. Ich hoffe sehr, dass das ein Ausrutscher von Gricksch ist, und die anderen Bücher wieder mehr Lesevergnügen und weniger Verärgerung bieten.

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