Montag, 14. Dezember 2015

"Bevor ich falle" von Lilly Lindner

"Ich war neun Jahre alt, als meine Mutter beschlossen hat, dass sie das Leben nicht mehr mag. Sie hat mich hochgehoben und ganz fest in ihre Arme geschlossen, dann hat sie mir einen Gutenachtkuss gegeben und mich in mein Bett gelegt. Meine gelbe Giraffe lag neben mir und die bunte Kuscheldecke auch. Ich weiß das noch so genau, als wäre es heute gewesen. Dabei sind Jahre vergangen, seit diesem letzten Tag in meinem Leben. Und um ehrlich zu sein, hatte ich einen Haufen anderer letzter Tage."


"Bevor ich falle" von Lilly Lindner

Verlag: Droemer (2012)
Format: TB, 301 Seiten
ISBN: 978-3-526-22622-3
Preis: 16,99 € [D] 

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Inhalt


Cherry ist neun Jahre alt, als ihre Mutter sich aus dem Fenster stürzt und das Mädchen bei dem lieblosen und herrschsüchtigen Vater zurücklässt. Anfangs kämpft sie noch um seine Liebe, doch mit 14 Jahren sieht sie ein, dass es keinen Sinn hat. Sie verlässt ihr Zuhause und kommt bei ihrem ehemaligen Schwimmlehrer unter, der ihr Halt gibt. Doch auch er kann sie nicht davon abhalten, sich selbst zu verletzen und so versinkt Cherry immer tiefer in dem düsteren Sog der Todessehnsucht. Als sie den Musiker Scratch kennenlernt, scheint es wieder aufwärts zu gehen, denn sie findet ihre Bestimmung in dem Schreiben von Songtexten. Doch ist das genug, um wieder auf die Beine zu kommen?

Meine Meinung



Dieses Buch ist definitiv etwas Besonderes. Es ist stark und mutig, tieftraurig und deprimierend, und bei allem von einer beeindruckenden Wortgewalt. Doch gerade an dieser Wortgewalt setzt auch meine Kritik an: es war mir einfach zu viel.

Ich liebe das Spiel mit Worten und beneide Menschen, die in Schrift und Sprache so damit umgehen können, wie Lindner es tut. Doch in diesem Roman fehlte mir die Balance. Ich mag es nicht, wenn ich bei gefühlt jedem zweiten Satz darüber nachdenken muss, was denn nun gemeint ist, und wenn die Worte so bedeutungsschwer sind, dass sie schon wieder wirr erscheinen. Wenn sich mir nicht schnell genug erschließt, was der Autor oder die Autorin denn nun sagen will, und das permanent, dann schmälert das mein Lesevergnügen enorm. Ganz zu schweigen von den literarischen Ergüssen, die jedes neue Kapitel einleiten - irgendwann habe ich diese gar nicht mehr gelesen, weil ich ohnehin nie verstanden habe, was man mir denn nun damit sagen will.

Desweiteren kam ich mit dem erzählenden und dem erzählten Ich nicht zurecht. Die Glaubwürdigkeit der Protagonistin schwand mit jedem Kapitel, was von der Autorin jedoch gezielt herbeigerufen wurde. Immer wieder sagt das erzählende Ich, dass es übertreiben muss, um der Situation gerecht zu werden, vor allem, wenn es um den lieblosen Vater geht. Ebenso fand ich Cherrys ganzen beruflichen Werdegang unglaubwürdig, der aber vielleicht ebenfalls aufgebauscht wurde, wie es die Eigenart der Erzählerin ist: Das Treffen mit dem Sänger, der zufällig auf der Suche nach einem Songwriter ist, der schnelle Erfolg, das viele Geld... Das Stilmittel der Hyperbel mag bewusst gewählt worden sein und die wortgewaltige Sprache überhaupt erst ermöglichen, bei mir hat sie jedoch ihre Wirkung verfehlt.

Lässt man das alles außenvor, dann bleibt die Geschichte eines Mädchens, das seine Mutter durch Selbstmord verloren hat und schließlich vor ihrem lieblosen Vater flieht. Sie wird von einem Freund aufgenommen, der sich um sie kümmert, doch die Narben, sowohl die seelischen als auch die, die sie sich selbst zufügt, bleiben. Sie schafft es nicht, auf die Beine zu kommen, und auch der berufliche Erfolg hilft ihr nicht lange. Immer öfter spielt sie mit dem Gedanken, ihrer Mutter zu folgen...

Dass sich eine solche Geschichte zwischen den Buchdeckeln verbirgt, habe ich nicht erwartet, und es geht teilweise echt heftig zu. An einer Stelle ist mir fast schlecht geworden, und das passiert wirklich selten. Wer also wie ich schwache Nerven hat, wenn es um detailierte Beschreibungen von aufklaffenden Wunden geht, sollte um das Buch einen Bogen machen. Es gab aber auch viele Stellen, die mich positiv berührt haben, und die anderen, in die ich mich nicht einfinden konnte, aufwiegen. Vor allem das Kapitel gegen Ende, in dem Cherry ihren Vater im Supermarkt trifft, hat mich zu Tränen gerührt. Auch die Einarbeitung von (englischen) Songtexten hat mir gut gefallen. Sie erinnern daran, dass Lieder oft mehr zu sagen haben, als es im ersten Moment scheint, und dass die Songwriter und Texter nicht selten ihre eigenen Geschichten musikalisch verarbeiten.

Insgesamt gesehen ist dieser Roman aber keiner, den ich noch einmal lesen möchte, auch wenn ich ihn nach einiger Zeit des Einfindens recht schnell fertig gelesen hatte. Es ist mir einfach von allem zu viel. Ich vergebe 3 von 5 Wolken.

Kommentare:

  1. Hallo Jacy,

    Eine schöne Rezension :) Auch wenn dein abschließendes Urteil nicht ganz so gut ausgefallen ist, hast du mich dennoch neugierig auf den Roman gemacht. Ich glaube, ich werde ihn mir mal auf die Wunschliste setzen und mir eine Leseprobe davon genauer anschauen.
    Lliebe Grüße,
    Bianca

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    1. Vielen Dank für das Kompliment. Freut mich, dass der Roman dich nun interessiert. Vielleicht kommst du mit dem Schreibstil besser klar als ich :)

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    2. Im Moment lese ich eher seichte Literatur, da mir neben der Uni nicht so viel Freizeit bleibt und ich für meine Hausarbeiten sowieso meistens in Fachliteratur versunken bin. Deswegen brauche ich abends einfach etwas, wo ich abschalten kann und möglichst nicht (viel) nachdenken muss. Doch wenn ich das hinter mir habe, würde ich gerne wieder etwas lesen, das ein wenig mehr Tiefe hat und vielleicht passt dieses Buch mit dem Schreibstil dann ganz gut :)

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)