Dienstag, 19. Januar 2016

"Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen" von Jacqueline Kelly

"Die Dunkelheit wussten wir 1899 bereits zu zähmen, doch nicht die texanische Hitze. Wir standen in tiefer Nacht auf, Stunden vor Sonnenaufgang, wenn sich am östlichen Himmel kaum mehr als ein tiefblauer Streifen abzeichnete, während der Horizont ansonsten pechschwarz war. Wir zündeten unsere Kerosinlampen an und trugen sie im Dunkeln vor uns her wie unsere eigenen schwankenden winzigen Sonnen. Die Arbeit eines ganzen Tages musste bis Mittag geschafft sein, wenn die tödliche Hitze ihre schwitzenden Opfer in das große, mit Holzläden verschlossene Haus zurücktrieb, wo wir uns in den dämmrigen hohen Räumen hinlegten."


"Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen" von Jacqueline Kelly

Verlag: Hanser (2009)
Format: HC, 332 Seiten
ISBN: 978-3-446-24165-7
Preis: 16,90 € [D] 
Originaltitel: The Evolution of Calpurnia Tate (2006)

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Inhalt


Calpurnia ist fast zwölf Jahre alt und interessiert sich nicht die Bohne für Haus- und Handarbeiten. Viel lieber verbringt sie ihre Zeit draußen mit ihrem Großvater, wo sie Tiere und Pflanzen sammeln, untersuchen und protokollieren. Als die beiden eines Tages eine vermeintlich neue Pflanzenart entdecken, hat Calpurnia sich entschieden: sie möchte auf die Universität gehen. Doch ihre Mutter hat andere Pläne mit ihr...


Meine Meinung


Mein erstes Buch in 2016 und gleich ein Lieblingsbuch... also wenn das kein gutes Omen für das kommende Lesejahr ist!

Ich habe Calpurnia schon vor einigen Monaten einmal im Buchladen liegen sehen und es im Geiste sofort auf meine Wunschliste gesetzt. Da ich mir letztes Jahr jedoch das Ziel gesetzt hatte, keine neuen Bücher zu kaufen, musste es erst einmal warten. Vor Weihnachten stieß ich dann in der Bibliothek darauf und es musste natürlich sofort mit in den Weihnachtsurlaub. Zum Lesen bin ich dann allerdings erst in diesem Jahr gekommen.

Von der ersen Seite an war ich gebannt von Calpurnias Geschichte. Ich konnte die texanische Hitze spüren und hatte den Geruch von verbrannter Erde in der Nase. Ich fühlte die Erleichterung, wenn mitten in der Nach ein schwacher Wind weht und ein wenig Abkühlung verschafft. Und ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind durch die Natur streifte und Pflanzen sammelte. Auch die Mischung aus zartem Feminismus, historischem Zeugnis und wissenschaftlichem Roman sprach mich sofort an, und dass das Buch sowohl für Jugendliche (die Empfehlung liegt bei 13+) als auch Erwachsene interessant sein kann.

Calpurnias Forschungen sind anfangs kaum als solche zu bezeichnen. Sie beobachtet Tiere von der Veranda aus, von denen sie viele gar nicht benennen kann, und hält ihre kargen Beobachtungen in einem kleinen Notizbuch fest. Sie fürchtet sich vor ihrem Großvater, bis das Rätsel um die großen brauen Grashüpfer, die plötzlich überall auftauchen, die beiden zusammenbringt. Fortan sind sie unzertrennlich und ihr Großvater ist froh, dass unter seinen sieben Enkeln nun doch eines zu sein scheint, das das Zeug zum Forschen hat, und dem er alles beibringen kann.

Ich mochte die ganze Familie Tate sehr gerne. Calpurnias sieben Brüder konnte ich zwar namentlich nie auseinanderhalten, was aber nicht weiter schlimm war. Nur dass Harry der älteste und damit auch eine Art Ansprechperson für Calpurnia ist, konnte ich mir merken. Ich mochte es, wie er sie immer zärtlich "mein Kätzchen" nennt, und wie viel Verständnis er für seine einzige Schwester aufbringt. Die anderen Jungs sind ein wuselnder, Chaos verursachender Haufen, aber ich habe sie trotzdem alle lieb gewonnen. Der Vater ist in der Geschichte stark unterrepräsentiert, dafür hat die Mutter das Zepter des Haushalts in der Hand. Doch obwohl sie ganz den alten Sitten und Werten verfallen ist, war sie mir sympathisch. Trotz aller Belehrungen und Vorhaltungen lässt sie Calpurnia auch ein Kind sein und verbietet es ihr auch nicht, sich draußen ihr Kleid schmutzig zu machen, wie man es vielleicht von einer solchen Geschichte erwarten könnte. Sie ist sanft, aber bestimmt und es ist im Grunde nicht ihre Schuld, dass sie sich den Traditionen so verbunden fühlt.

Calpurnias Großvater ist natürlich die Schlüsselfigur des Romans. Nachdem er sein Leben lang sein Unternehmen auf- und ausgebaut hat, widmet er sich nun allein seinen Forschungen, was ihn auf die Familie verschroben und unnahbar wirken lässt. Doch für Calpurnia öffnet er sein Herz und weiß viele interessante Dinge zu erzählen. Einfühlsam führt er seine Enkelin in die Welt der Forschung ein und teilt sein Wissen vorbehaltslos mit ihr. Sogar den Erfolg des Fundes einer vermeintlich neuen Pflanzenart schreibt er ihrer gemeinsamen Arbeit zu - und was könnte es großartigeres für ein Kind geben?

Der Fund jener Pflanze und die mit Spannung erwartete Antwort der führenden Wissenschaftler aus Washington bildet den Spannungsbogen des Romans und wie Calpurnia saß auch ich auf glühenden Kohlen und wartete auf die Antwort. Zwischendrin entspinnt sich Calpurnias Lebens- und Leidensgeschichte, die nicht weniger spannend ist, denn fast täglich geschieht etwas Unerwartetes: Harry verliebt sich und Calpurnia fürchtet, ihren Lieblingsbruder zu verlieren; aus einer fetten Raupe, die sich verpuppt hat, wird wider Erwarten kein schöner Schmetterling; Calpurnias erste Handarbeitsversuche sind eine Katastrophe und gleich drei ihrer Brüder verlieben sich in ihre beste Freundin. Ich fühlte mich, als sei ich Teil dieser Familie, so alltäglich und doch wieder besonders waren die Ereignisse, die von Calpurnia beschrieben werden.

Ihre Erzählungen sprühen dabei nur so vor Humor und Heiterkeit. Häufig musste ich schmunzeln über die Situationskomik und die seltsamen, aber doch immer treffenden Metaphern, zum Beispiel der Satz "Ich war so nervös wie eine langschwänzige Katze in einem Raum voller Schaukelstühle." (S. 143), oder die Szene, als es zum Nachtisch von Calpurnia gebackenen Apfelkuchen gibt und ihr kleiner Bruder wissen möchte, ob er das auch lernen kann, was seine Mutter verneint, da er ja später eine Frau haben werde, die für ihn backen könnte. Calpurnia fragt sich daraufhin: "Gab es irgendeine Möglichkeit für mich, auch eine Frau zu bekommen?" (S. 226)

An dieser Stelle sowie an vielen anderen merkt man die feministischen Züge des Romans. Calpurnia steht für viele Mädchen dieser und der folgenden Zeit, die ihre eigenen Wünsche und Träume zugunsten der Tradition und Werte der Gesellschaft und der Familie zurückstellen müssen. Doch Calpurnias Geschichte endet mit diesem Roman zum Glück noch nicht. Das Ende ist relativ offen gehalten. Zwar kommt endlich der langersehnte Brief aus Washington und ein sonderbarer Wetterumschwung scheint ein gutes Omen für die Zukunft zu sein, doch alles andere ist noch in der Schwebe, was sich hoffentlich im Folgeband "Calpurnias faszinierende Forschungen" ändern wird.

Ich vergebe 5 von 5 Wolken für diesen faszinierenden Roman. Wer "Maia oder Als Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf" mochte, dem wird auch dieses Buch gefallen.

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