Montag, 28. März 2016

"Das Jahr der Flut" von Margaret Atwood

"Früh am Morgen klettert Toby aufs Dach, um sich den Sonnenaufgang anzusehen. Sie stützt sich auf den Stiel eines Wischmopps: Der Fahrstuhl hat schon seit längerem den Geist aufgegeben, die Hintertreppe ist glatt vor Nässe, und wenn sie ausrutscht und hinfällt, ist niemand da, der ihr wieder aufhilft. Als die erste Hitze aufkommt, steigt Nebel aus dem breiten Baumstreifen hoch, der zwischen ihr und der verfallenen Stadt liegt. Die Luft riecht leicht verbrannt, nach Karamell und Tee und ranzigem Grill und brennender Müllkippe nach einem Regenguss, ein Asche- und Ölgeruch."


"Das Jahr der Flut" von Margaret Atwood

Verlag: Berlinverlag (2009)
Format: HC, 476 Seiten
ISBN: 978-3-8270-0884-8
Originaltitel: The Year of the Flood (2009)

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Klappentext


Hoch auf den Dächern der Stadt, dem Himmel am nächsten, liegt das Paradies. Seine Bewohner nähren sich von Gemüse, Früchten und Honig und kultivieren ihren Garten eden, den sie dem Waste Land einer Stadt jenseits der drohenden Klimakatastrophe abgetrotz haben. Die junge, kämpferische Toby findet Zuflucht in dieser Gemeinschaft der "Gärtner Gottes", nachdem sie durch die Maschen der Gesellschaft gefallen ist, die von einer rigiden, militärisch organisierten Wirtschaftsprganisation regiert wird. Hier trifft sie auf Ren, die spätere Trapezkünstlerin, auf die anarchische Amanda und auf Jimmy, der zu ihnen allen in einer ganz speziellen Beziehung steht.  [...]

Meine Meinung


Anfangs wusste ich nicht recht, wo ich dieses Buch einzuordnen hatte. Ich wusste, dass es sich um Science Fiction handelt und laut Inhaltsangabe um eine Pandemie, die einen Großteil der Menschheit getötet hat. Doch die Aufmachung und der erste Leseeindruck entsprach nicht dem, was mir bisher aus dieser Kategorie bekannt war, was das Buch umso reizvoller für mich machte.

Die "Flut" beschreibt keine tatsächliche wasserführende Flut, sondern eine Pandemie, die die Erde überschemmt. Diese wurde von den Gottesgärtnern, einer Sekte, die Atwood für den Roman erschaffen hat, lange vorhergesagt. Die Gottesgärtner leben in dem Glauben, Erde, Tiere und Pflanzen bewahren zu müssen und bemühen sich, im Einklang mit der Natur zu leben. Atwood hat für sie eigene Liedtexte und Gebete geschrieben, sowie Feiertage und Heilige erfunden, was dem Ganzen einen sehr realistischen Anstrich gibt.

Anfangs erschien mir die Gruppe schlicht und ungefährlich. Doch nach und nach kristallisierte sich heraus, dass es auch hier keine weißen Westen gibt, die Anhänger (vor allem die Anführer, die Adams und Evas) sogar teilweise eine gefährliche Doppelmoral an den Tag legen. Diese Vielschichtigkeit und teilweise Undurchschaubarkeit hat mir sehr gefallen, denn sie macht die Geschichte unvorhersehbar und spannend.

Jedes größere Kapitel beginnt mit einem Lied aus dem Gesangbuch der Gottesgärtner, worauf eine kleine Rede von Adam Eins, dem Anführer, folgt, in der er den jeweiligen Feiertag erklärt. Die Lieder sind wunderbar poetisch und erzählen davon, wie wertvoll unsere Erde und wie wichtig ihre Erhaltung ist. Im Nachwort verrät Atwood, dass es dazu sogar tatsächlich Musik gibt, die durch einen "glücklichen Zufall" zustande kam und gerne "für Andachtszwecke oder im Zusammenhang mit Umweltschutz" verwendet werden kann. Die CD Hymns of the God's Gardeners findet ihr hier.

Obwohl der Titel des Roman anderes vermuten lässt, behandelt das Buch überwiegend die Jahre vor "der Flut", genauer gesagt das Leben der Protagonistinnen Toby und Ren. Häppchenweise erfährt man alles über sie: Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, teils bei den Gärtnern verbracht, teils außerhalb. Beide leben in einer Welt, die ich mir nur schwer vorstellen konnte. Eine futuristische Welt mit allen möglichen absurden Neuerungen, die das Leben in der Gesellschaft gefährlich machen. Ich meinte auch, stets einen ironischen Unterton herauszuhören, nach dem Motto: seht, wo wir landen könnten, und tatsächlich ist Atwood bekannt für ihr "waches politisches Gespür für die unterschwelligen und gefährlichen Entwicklungen der Welt" (Klappentext).

Toby und Ren und auch viele andere Charaktere konnte ich bis zum Schluss nicht richtig einschätzen. Von Toby weiß man, dass sie sich nie wirklich den Gärtnern zugehörig gefühlt hat, aber dennoch irgendwie in die obersten Kreise gerutscht ist. Ich mochte ihre Ehrlichkeit und ihren Pragmatismus sehr gerne, sie spiegelt die Zerrissenheit der modernen Welt wider. Die jüngere Ren ist ebenfalls nicht überzeugt von den Gärtnern und lässt sich - typisch Teenager - viel zu leicht von den Verlockungen der restlichen Welt blenden. Ihre Geschichte habe ich besonders gespannt verfolgt, da sie stets von jugendlichem Leichtsinn getrieben wird, der Toby fehlt. 

Erst gegen Ende sind beide Erzählstränge in der Gegenwart angekommen und Toby und Ren treffen wieder aufeinander. Jetzt kommen auch Endzeit-Fans auf ihre Kosten, denn die Nahrungsmittel werden knapp und die beiden müssen sich in die weite Welt hinaus wagen, wo noch einige Gefahren auf sie lauern. In diese Situation konnte ich mich besonders gut hineinversetzen und habe mit großer Spannung verfolgt, wie Toby über sich hinauswächst. Dennoch hat mich etwas am Ende gestört und ich konnte die Puzzleteile auch nicht so zusammensetzen, wie es von der Autorin vermutlich angedacht war. Das würde sich aber wahrscheinlich bei erneutem Lesen ändern.

Insgesamt ist "Das Jahr der Flut" ein ganz besonderes Buch, das ich jedem empfehlen kann, der die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen kritisch beäugt und etwas für Science Fiction übrig hat. Ich vergebe 4 von 5 Wolken und werde die anderen Bücher der Autorin, die teilweise von der gleichen Welt und den gleichen Figuren handeln, auf meine Merkliste setzen.

1 Kommentar:

  1. Ich habe Oryx und Crake vor ein paar Jahren gelesen und fand es richtig faszinierend. Ich glaube, dieses hier spielt zeitlich danach. Ans Herz legen möchte ich dir auch unbedingt Der Report der Magd; Atwood kann einfach großartige Dystopien schreiben.

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)