Dienstag, 26. April 2016

"Das verschwundene Mädchen" von Genevieve Hill (Hg.)

"Meine liebste Gwendolyn, du mein Ein und Alles, meine Seelenfreundin (ich will dich so nennen, da die Seele, wie unsere Freundschaft, ewig ist)! Nun ist es schon neun Monate her, seit du Edinburgh verlassen hast, und mit Ausnahme einer Postkarte aus New York, der ich entnehmen konnte, dass es dir gut geht, habe ich kein weiteres Wort von dir gehört. Ich weiß, dass wir vor deiner Abreise übereingekommen waren, uns keine Briefe zu schreiben, sondern stattdessen jede für sich ein Tagebuch zu führen, das wir uns einmal im Jahr schicken wollen. Aber ich sehne mich nach Neuigkeiten von dir und hoffe so sehr, dass du mich zumindest davon in Kenntnis setzen wirst, ob du unterdessen in Kalifornien angekommen bist."


"Das verschwundene Mädchen" von Genevieve Hill (Hg.)

Verlag: Bertelsmann (2002)
Format: HC, 219 Seiten
ISBN: 3-570-12745-1
Originaltitel: The Diary of Miss Idilia

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Inhalt


Im Jahre 1851 verschwindet die junge Schottin Idilia Dubb spurlos. Über zehn Jahre später findet man ihre Gebeine sowie ein Tagebuch, in dem sie die letzten Tage ihres Lebens festgehalten hat. Diese hat sie gemeinsam mit dem Deutschen Christian verbracht, den sie auf dem Schiff kennenlernte, mit dem sie dann jedoch unfreiwillig einige Tage an Land gestrandet war - fast ohne einen Cent in der Tasche. Ein großes Abenteuer begann - welches ihr letztes sein sollte.

Meine Meinung


Dieses Buch ist eines der von mir gekauften Bücher, die ich schon am längsten besitze und ich hatte es relativ positiv in Erinnerung. Doch je weiter ich voran kam, desto enttäuschter wurde ich. Jetzt wird es ohne Umschweife in der Kiste für aussortierte Bücher landen, denn es hat mich fast zu Tode gelangweilt und mit höchstwahrscheinlich falschen Tatsachen geärgert.
Ich könnte an dieser Stelle erzählen, wie Idilia gestorben ist. Denn das findet man sowohl auf dem Klappentext, als auch im Vorwort des Buches, was mich ziemlich stört. Viel spannender hätte ich es gefunden, selbst im Laufe des Buches herauszufinden, was geschehen war - das "Vorwort" mit den Zeitungsartikeln der damaligen Zeit hätte man getrost auch ans Ende packen können. Falls ihr euch jetzt entschließt, das Buch zu lesen, werdet ihr natürlich selbst sofort darüber stolpern. Oder aber ihr ignoriert das Vorwort und lasst euch überraschen ;)

Soweit ich herausfinden konnte, hat es Idilia Dubb tatsächlich gegeben und sie starb auf genau die Art und Weise, die im Buch beschrieben ist. Doch ich wage sehr zu bezweifeln, dass dieses Buch tatsächlich die Einträge ihres Tagebuchs beinhaltet. Darin steht einfach so viel, das für mein Gefühl nicht so recht in die Zeit und zu den Personen passen will. Die Einträge muten eher wie ein selbstgeschriebener Kitschroman an, Tagträume eines jungen Mädchens vielleicht, oder jemandem, der die damalige Zeit in einem romantisch verklärten Licht sieht, sind aber sicherlich keine Tatsachenberichte.

Ich bin mir sicher, dass kein Mädchen aus einer Familie wie der Idilias zur damaligen Zeit so durch die Gegend gestreunt wäre, mit fremden Männern in einem Bett geschlafen oder die Zeche geprellt hätte. Jedes Mädchen in Idilias Situation hätte alles daran gesetzt, schnellstmöglich zu ihrer Familie zurückzukehren, so unwohl es sich in dieser auch fühlen mag. Am deutlichsten wurde dies, als Idilia tatsächlich die Chance hatte, auf das Schiff zurückzukehren. Christian jedoch verlässt das "rettende Schiff" noch einmal unter haarsträubenden Vorwänden, was auch Idilia dazu veranlasst, wieder von Bord zu gehen. Obwohl ich, wie er wisst, Geschichten von eigensinnigen und mutigen Frauen schätze, hat mich diese einfach nur geärgert, denn sie wirkt kein bisschen authentisch.

Ein weiterer Punkt, der mich sehr an der Authenzität der Geschichte zweifeln ließ, ist der der Darstellung ihrer Eltern. Ihre Mutter bandelt vor den Augen aller anderen Gäste mit einem fremden Mann an, währen ihr eigener Ehemann beschämt zusehen muss. Ich wage zu behaupten, dass keine verheiratete Frau in jener Zeit sich in der Öffentlichkeit so aufgeführt hätte. Und dass sie sich dann auch noch anmaßt, ihre Tochter wegen ähnlichem Verhalten zu verurteilen, wirkt fast schon lächerlich.

Ich musste mich sehr durch dieses Buch quälen, denn die Story war insgesamt langweilig und nur die letzten paar Seiten beschreiben die prekäre Situation, in die sie am Ende gerät und die sie schließlich auch das Leben kostet. Das, was man irgendwie als Höhepunkt der Geschichte erwartet, verkümmert zu ein paar Sätzen, wenigen kurzen Kapiteln. Wenn man annimmt, dass es sich bei dem Buch tatsächlich um Idilias Tagebuch handelt, dann ist dies natürlich logisch, da sie am Schluss kaum noch Tagebuch geschrieben hat. Doch da ich ziemlich sicher bin, dass dem nicht so ist, hätte man meiner Meinung nach nach einer besseren Umsetzungsmöglichkeit suchen können. Ich hatte bereits Idee, dass es vielleicht nur die letzten paar Seiten sind, die tatsächlich von Idilia stammen und der ganze Rest dazu gedichtet wurde. Würde mich nicht wundern...

Ich vergebe 1 von 5 Wolken.

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