Montag, 18. April 2016

"Nach der Bombe" von Philip K. Dick

"Früh an einem strahlenden, sonnenklaren Vormittag kehrte Stuart McConchie den Gehsteig vor Modern TV Sales & Service. Er hörte die Autos auf der Shattuck Avenue und die eilig klappernden Absätze der Sekretärinnen, die auf dem Weg ins Büro waren, und er freute sich über die Geräusche und Gerüche einer neuen Woche, die einem Verkäufer die Chance zu guten Geschäften bot. Er dachte an sein zweites Frühstück, ein heißes Brötchen und Kaffee, so gegen zehn. Er dachte an die zurückliegenden Beratungsgespräche mit Kunden, die vielleicht alle schon heute zum Einkaufen wiederkommen würden, und an sein überquellendes Auftragsbuch."


"Nach der Bombe" von Philip K. Dick

Verlag: Heyne (2004)
Format: TB, 320 Seiten
ISBN: 978-3-453-53004-1
Preis: 9,95 € [D] 
Originaltitel: Dr. Bloodmoney or How We Got Along After The Bomb (1965)

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Inhalt


Ein weltweiter Nuklearkrieg hat die Welt, wie wir sie kennen, von einem Tag auf den anderen verändert, doch die Menschen haben sich den neuen Gegebenheiten angepasst und neue gesellschaftliche Strukturen entwickelt. Aber was geschieht, wenn einer von ihnen in diesen Zeiten die Weltherrschaft an sich reißen will? Ein Roman über die möglichen Folgen des Dritten Weltkriegs vom berühmten Science-Fiction-Autor Philip K. Dick.


Meine Meinung


Philip K. Dick, "Science-Fiction-Genie und brillanter Beobachter der amerikanischen Alltagskultur" hat mich mit diesem Roman überrascht. Als bekennender Endzeit-Fan bedeutet "nach der Bombe" für mich normalerweise Mord, Totschlag und Anarchismus. Doch Dick hat hier eine etwas andere Welt entworfen. Eine, in der man sich zusammenrottet, Gemeinden bildet und irgendwie versucht, zu einem Stück Normalität zurückzufinden.

Der Roman beginnt kurz vor Ausbruch des Dritten Weltkrieges. Man lernt die Hauptperson kennen, den Phokomelus Hoppy Harrington, sowie andere Personen, die später noch von Bedeutung sind. Hier ist vor allem der für die Entwicklung der Atombombe verantwortliche Dr. Bluthgeld zu nennen, der im Originaltiel noch stärker hervorgehoben wird (dessen zweiten Teil ich übrigens treffender für den Inhalt des Romans finde). Hoppys schwere Behinderung erschwert ihm Leben erheblich, doch seine technischen, ans Magische grenzenden Fähigkeiten machen dieses Handicap wieder wett. Dennoch ist er ein Außenseiter, was zu den Minderwertigkeitskomplexen führt, die die Grundlage der späteren Handlungsabläufe sind.

Schließlich fällt die Bombe. Dick lässt den Leser miterleben, wie einige der Protagonisten diesen Zeitpunkt erleben und wie sie überleben. Dann gibt es einen Zeitsprung über etwa sieben Jahre und man wird in die Gesellschaft geschleudert, die sich nach der Katastrophe entwickelt hat. Kleine dorfähnliche Gemeinden haben sich gebildet, mit wöchentlichen Versammlungen, Abstimmungen und eigener Exekutive. Dort wird nicht davor zurückgeschreckt, Menschen zum Tode zu verurteilen, allerdings muss deren Verbrechen unbestreitbar inakzeptabel sein und das Urteil von allen akzeptiert werden. So hart das klingen mag - ich finde, dafür, dass diese Menschen das Ende der Welt miterleben mussten, ist deren Vorgehensweise erstaunlich human und gerecht. Im krassen Gegensatz dazu steht das von Dick beschriebene Leben in der Stadt, das mehr dem entspricht, was ich mir für die Zeit nach dem Ende der Welt vorstellen würde. Hier kann es gut sein, dass man sein Pferd am Ufer zurücklässt, um mit einem auf seinem Floß lebenden Fährmann überzusetzen, und bei seiner Rückkehr nur noch Knochen vorfindet, wie es auch der ehemalige Fernsehverkäufer Stuart miterleben muss.

Doch Dicks Roman konzentriert sich auf das Leben auf dem Lande, genauer gesagt auf das einer kleinen Gemeinde. Obwohl es mittlerweile wieder so etwas wie Tabak dort gibt und auch Alkohol erhältlich ist, ist das Leben im Dorf eintönig und trostlos. Lichtblick am Horizont der Überlebenden ist ein Mann in einer Rakete, dessen ursprüngliche Mission der Marsbesiedelung gescheitert ist und der nun um die Erde kreist und mit allen Kontakt aufnehmen kann, die er überfliegt. Seine Berichte sind die einzige Art von Nachrichten, die Musik, die er in seinem Fundus hat, die einzige, die die Überlebenden lange gehört haben.

Auf diesem Stand der Dinge spielt sich schließlich die Kernhandlung des Romans ab, bei der Hoppy eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Doch auch alle Nebenhandlungen führen an dieser Stelle zusammen und ergeben so das Puzzle, dessen Teile Dick nach und nach ausstreut, und die teils überraschende Wendungen mit sich bringen.

Man darf nicht vergessen, dass es sich um Science-Fiction handelt. Hoppys Fähigkeiten sind für die Normalsterblichen daher zwar beängstigend, werden aber hingenommen und sogar als nützlich erachtet. Auch, dass ein kleines Mädchen ihren eigenen Bruder im Körper trägt, mit ihm kommunizieren und ihn sogar in den Körper anderer Lebewesen einsetzen kann, findet der dortige Arzt nicht weiter erstaunlich. Dick versucht, diese Veränderungen mit den Strahlungen zu erklären, für mich persönlich war diese Komponente aber leider etwas, das mein Lesevergnügen erheblich geschmälert hat. Gerne hätte ich von einer normalen Gesellschaft ohne Mitglieder mit solch besonderen Fähigkeiten gelesen, die sich bemüht, sich in dieser neuen Welt durchzuschlagen. Das wäre einfach näher an der Realität gewesen und etwas, auf das man sich vielleicht tatsächlich in der Zukunft einstellen muss.

Trotzdem habe ich den Roman mit Spannung verfolgt und kann definitiv in dem Punkt zustimmen, dass Dick ein guter Gesellschaftsbeobachter ist. Und abgesehen von der übersinnlichen Komponente, die an sich ja durchaus ihre Berechtung hat (wer weiß, was Strahlung alles anrichten kann?) hat er eine erschreckend realistische Welt erschaffen, über die es sich zumindest nachzudenken lohnt. Ich vergebe 3 von 5 Wolken.

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