Donnerstag, 7. April 2016

"Tintenherz" von Cornelia Funke

"Es fiel Regen in jener Nacht, ein feiner, wispernder Regen. Noch viele Jahre später musste Meggie bloß die Augen schließen und schon hörte sie ihn, wie winzige Finger, die gegen die Scheibe klopften. Irgendwo in der Dunkelheit bellte ein Hund, und Meggie konnte nicht schlafen, so oft sie sich auch von einer Seite auf die andere drehte. Unter ihrem Kissen lag das Buch, in dem sie gelesen hatte. Es drückte den Einband gegen ihr Ohr, als wollte es sie wieder zwischen seine bedruckten Seiten locken."


"Tintenherz" von Cornelia Funke

Verlag: Dressler (2003)
Format:  HC, 566 Seiten
ISBN: 978-3-7915-0465-0
Preis: 19,90 € [D]
Teil 1 einer Trilogie

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Inhalt


Meggie und ihr Vater Mo lieben Bücher und kein Tag vergeht, in dem Meggie nicht die Nase in einer Geschichte hat. Doch dann taucht ein mysteriöser Fremder auf, und Meggie und Mo reisen Hals über Kopf zu einer entfernten Verwandten, Tante Elinor. In deren Bibliothek versteckt Mo ein seltsames kleines Büchlein. Mit Meggie spricht er nicht darüber, was sie nur noch misstrauischer macht. Was verheimlichte ihr Vater vor ihr? Warum versteckt er ein Buch? Und vor allem: was wollte der Fremde von ihm? Hals über Kopf stürzt Meggie in ein spannendes Abenteuer, von dem sie nie erwartet hätte, dass es ihre eigene Geschichte bereithalten würde...

Meine Meinung


So, nun habe ich es auch endlich gelesen. Jahrelang stand Tintenherz bei mir herum, nachdem ich es gekauft hatte, weil mir der Film so gut gefallen hat. Heute mache ich das nicht mehr, den Film zuerst sehen, außer ich werde erst durch den Film auf das Buch aufmerksam. Aber darum geht es ja jetzt nicht.

Ich habe den Film noch sehr genau im Kopf und er ist trotz seiner zahlreichen Änderungen ziemlich nah an der Romanvorlage. Ich habe mir beim Lesen natürlich die Schauspieler vorgestellt, aber ich finde, dass diese den Beschreibungen von Aussehen und Charakter im Buch ziemlich nahe kommen. Nur die Verkörperung von Elinor fiel meiner Meinung nach aus dem Rahmen, hier gefällt mir die Film-Elinor besser. Doch obwohl ich den Film so genau vor Augen hatte, hatte ich keine besonderen Erwartungen an den Roman sondern versuchte, mich einfach darauf einzulassen.

Das hat auch gut funktioniert, denn Funke schreibt detailliert und farbenfroh, ohne dabei wuchtig und überladen zu wirken. Die Story ist gut durchdacht, spannend und schlichtweg etwas Besonderes. Es gibt viele wunderschöne Sätze über das Lesen und die Liebe zu Büchern, außerdem ist jedes Kapitel mit einem Zitat aus einem anderen Roman überschrieben. Ich fand es faszinierend, wie sehr diese jeweils zum folgenden Kapitel gepasst haben, teilweise sogar eine Art kleine Zusammenfassung der kommenden Geschehnisse darstellten. Auch die kleinen Illustrationen der Autorin nach fast jedem Kapitel haben mir gefallen, wobei diese sich leider manchmal wiederholen und auch nicht immer zum Kapitel passen.

Die Charaktere aus Tintenherz sind vielschichtig und sehr lebendig gezeichnet. Alle haben sie ihre Charakterschwächen, sind stolz oder feige, egoistisch oder naiv. Das hat mir sehr gut gefallen, denn es verleiht dem Roman Tiefe. Besonders Staubfinger und Fenoglio sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen, denn sie sind Figuren, die sich und andere durch ihr unbesonnenes Verhalten in Gefahr bringen. Staubfinger war auch im Buch mein persönlicher Lieblingscharakter, denn ich hatte großes Mitleid mit ihm. Und obwohl er einige Fehler hat, hat er doch ein gutes Herz.

Was mich sehr gestört hat ist die hohe Rate gebrochener Versprechen, vor allem von Seiten Mos, den ich in dem Buch generell unsympathisch fand. Er scheint den Wert und Sinn eines Versprechens nicht so ganz verstanden zu haben und es wundert mich, dass die Menschen um ihn herum überhaupt noch an sie glauben. In einem Kapitel sagt Mo zu Meggie, dass er wisse, er habe ihr versprochen abzureisen, doch er würde dennoch gerne ein paar Tage länger bleiben. Nur eine Seite später kommt es zu folgendem Wortgefecht:
"Du willst [in Capricorns Dorf] zurückgehen!"
"Nein, will ich nicht. Ich hab dir mein Wort gegeben. Hab ich das jemals gebrochen?" (Meggie und Mo, S. 297)
Meggie schüttelt daraufhin den Kopf - obwohl er es erst kurz zuvor getan hat. Und dies ist nur eines der vielen gesprochenen Versprechen. Es gab außerdem Stellen, die ich nicht schlüssig fand, zum Beispiel als Farid, ein Junge aus dem alten Orient, ganz selbstverständlich von einem Foto spricht, obwohl er gar nicht wissen kann, was das ist, doch die Sache mit dem Brechen von Versprechen hat mich am meisten gestört. Was sollen denn junge Leser daraus lernen? Andererseits zeigt sich darin wohl wieder die Vielschichtigkeit der Charaktere und sie zeigen, dass kein Mensch unfehlbar ist.

Das Buch ist, wie ich jetzt sagen kann, nicht nur etwas für Kinder und Jugendliche. Im Gegenteil - für ein Kinderbuch, für das ich es lange hielt, ist es viel zu verschachtelt und gruselig, teils sogar ziemlich brutal. Aber es hat mir gefallen, dass sich so viel Unerwartetes in dem Buch versteckt hat und Funke nicht gerade zimperlich mit ihren Figuren umgeht. Ich schwanke zwischen 3 und 4 Wolken, aber da ich keine halben Wolken vergebe, erhält Tintenherz von mir 4 von 5 Wolken.

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