Samstag, 7. Mai 2016

"Er ist wieder da" von Timur Vermes

"Das Volk hat mich wohl am meisten überrascht. Nun habe ich ja wirklich das Menschenmögliche getan, um auf diesem vom Feinde entweihten Boden die Grundlagen für eine Fortexistenz zu zerstören. Brücken, Kraftwerke, Straßen, Bahnhöfe, ich habe die Zerstörung all dessen befohlen. Und inzwischen habe ich es auch nachgelesen, wann, das war im März, und ich denke, ich habe mich in dieser Beziehung ganz klar ausgedrückt. Alle Versorungseinrichtungen sollten vernichtet werden, Wasserwerke, Telefonanlagen, Produktionsmittel, Fabriken, Werkstätten, Bauernhöfe, jegliche Sachwerte, alles, und damit meinte ich auch: alles!"


"Er ist wieder da" von Timur Vermes

Verlag: Bastei Lübbe (2012)
Format: TB, 394 Seiten
ISBN: 978-3-404-17178-1
Preis: 9,99 € [D] 

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Klappentext


Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Tausenden von Auländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende strandert der Gröfaz in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere - im Fernsehen. dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und trotz Jahrzehnten deutscher Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und "Gefällt mir"-Buttons. Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? All das und mehr: Timur Vermes' Romandebüt ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte.

Meine Meinung


Dieses Ebook verstaubte lange virtuell auf meinem Kindle. Ich fand es schon immer interessant, jedoch nie interessant genug, um es tatsächlich zu lesen. Das hat sich geändert als mein Freund unbedingt den Film mit mir sehen wollte. Ich konnte ihn glücklicherweise vertrösten, denn ich wollte zuerst das Buch lesen. Und was soll ich sagen: es hat mich äußerst positiv überrascht.

Aus Kommentaren zu Beiträgen, in denen ich dieses Buch während des Lesens erwähnte, konnte ich herauslesen, dass viele nicht an der Lektüre interessiert sind. Euch allen kann ich sagen: versucht es trotzdem. Er ist wieder da ist ein sehr lesenswertes Werk, das viele wichtige Aspekte unserer Gegenwart und Vergangenheit, aber auch unserer Zukunft behandelt.

Im Mittelpunkt steht natürlich die Hauptperson, Adolf Hitler. Dieser wacht im modernen Berlin auf ohne jede Erinnerung daran, wie sein letzter Tag auf Erden, der 30. April 1954, endete. Ich fand es faszinierend, wie schnell er sich in diese für ihn so gänzlich neue Welt eingefunden hat und wie Vermes diesen Prozess beschrieben hat. Er wirkt überhaupt nicht absurd sondern völlig nachvollziehbar. Hitler hat sogar eine rationale Erklärung für seinen Zeitsprung gefunden und ist von dieser völlig überzeugt. Mit großem Ernst und Eifer tastet er sich an alles Neue heran, um sich langsam wieder eine Machtstellung zu erarbeiten. Doch trotz seiner Ernsthaftigkeit brachte mich fast jede neue Erfahrung, die er machte, jedes Missverständnis zum Lachen. Ich liebe ja Situationskomik, und von dieser quillt dieses Buch fast über!

Besonders herrlich fand ich in diesem Zusammenhang auch die verschiedenen sprachlichen Ausprägungen des Buches. Hitler spricht in dem für die damalige Zeit typischen, etwas angestaubt klingenden Deutsch, seine Sektretärin mit herzlichem Berliner Akzent. Diesen hat Vermes exakt so geschrieben wie er klingen sollte, und ich habe mir oft einen Spaß daraus gemacht, die Passagen laut zu sprechen. Ich liebe die Berliner Mundart und der Kontrast, der dadurch zwischen ihr und Hitler entsteht, ist einfach köstlich. Doch trotz allem Humor verstecken sich in dem Roman auch - und wahrscheinlich sogar überwiegend - ernste, politische und gesellschaftskritische Themen.  

Aus Hitlers Erzählungen und Reden, die er als angeblicher Comedian hält, erfährt man einiges über Deutschland, den Krieg und die damalige und heutige Politik. Es fallen öfters Namen von Zeitgenossen Hitlers und ich muss zugeben, dass viele davon mir nichts sagten. Das hat aber dem Lesevergnügen keinen Abbruch getan und ich habe sogar das ein oder andere gelernt. Für politisch bewanderte Leser sind diese kleinen Details dafür umso spannender und ich bin sicher, dass sie noch mehr Pointen und Querverweise entdecken können, als ich es tat

Auch Hitler selbst lernt man in diesem Buch besser und zum Teil von einer ganz anderen Seite kennen. Dabei halte ich Vermes' Beschreibungen von Hitlers Charakter für sehr authentisch und gut recherchiert. Man bekommt eine Ahnung davon, wie er es damals geschafft hat, allen die Köpfe zu verdrehen. Seine Persönlichkeit kommt sehr gut zur Geltung, seine Eloquenz und sein Wissen um die Emotionen der Menschen - manchmal wirkt er fast sympathisch, was ziemlich erschreckend, von Vermes aber sicherlich beabsichtigt ist. Wie einige Rezensenten und Kritiker bereits fragten: Darf man überhaupt Mitleid mit Hitler haben, darf man über ihn lachen? Mit diesen Fragen spielt der Autor sehr gekonnt.

Die meiner Meinung nach wichtigste Ebene des Buches, die sich teilweise unsichtbar mit dem Offensichtlichen verwebt, ist aber die der aktuellen gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen. Das Buch zeigt schonungslos, wie sehr es unter der Oberfläche brodelt und in welcher Gefahr wir schweben, wenn wir Fremdenhass und Abschottungspolitik weiterhin zulassen, teilweise sogar fördern. Der Leser versteht am Ende des Romans, wie es damals überhaupt zum Krieg und zur Ermordung von Millionen von Menschen kam und wie wichtig die Rolle des Volkes war. Wie Vermes Hitler einmal bemerken lässt: es war nicht nur ein einziger Mann, der die Verantwortung trug. Diejenigen, die ihn wählten und sein Vorgehen hinnahmen, ja sogar billigten, hatten mit Schuld. Und wie sich am Beispiel des "neuen" Hitlers zeigt: man ist gar nicht so weit davon entfernt, es erneut geschehen zu lassen...

Ich vergebe 4 von 5 Wolken. 

1 Kommentar:

  1. Hallo Jacy!
    Nach einem Wochenendtrip bin ich nun auch endlich hier gelandet :)

    Und "Er ist wieder da" hat mir damals auch sehr gut gefallen. Es hatte Witz und doch regte es zum Denken an. Oft erwischte ich mich bei einem "Oh, darf ich darüber lachen?"
    Es ist schade, dass viele sich nicht so recht an das Buch trauen, aus so vielen Gründen - zu historisch (?!) habe ich mal gehört -, aber es ist absolut lesenswert.

    Herzliche Grüße!
    Eva von Astis Hexenwerk

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