Mittwoch, 15. Juni 2016

"Tschick" von Wolfgang Herrndorf

"Als erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen. Um ehrlich zu sein, es ist nicht nur Blut. Als der Ältere 'vierzehn' gesagt hat, hab ich mir in die Hose gepisst. Ich hab die ganze Zeit schräg auf dem Hocker gehangen und mich nicht gerührt. Mir war schwindlig. Ich hab versucht auszusehen, wie ich gedacht hab, dass Tschick wahrscheinlich aussieht, wenn einer 'vierzehn' zu ihm sagt, und dann hab ich mir vor Angst in die Hose gepisst."


"Tschick" von Wolfgang Herrndorf

Verlag: Rowohlt (2013)
Format: TB, 254 Seiten
ISBN: 978-3-499-25635-6
Preis: 8,99 € [D] 

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Inhalt


Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien alein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine unvergessliche Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende Provinz. (Quelle)


Meine Meinung


Um dieses Buch wird ja ein ziemlich großer Hype veranstaltet, aber obwohl ich das Buch schon öfter in der Hand hatte, hat es mich nie so sehr angesprochen, dass ich es tatsächlich geliehen/ gekauft hätte. Da ich jetzt aber im Rahmen eines Seminars das Theaterstück besuchen werde, wollte ich es endlich lesen und kam unter ganz besonderen Umständen zu dem Buch.

Der Einstieg fiel mir schwer, was überwiegend daran lag, dass ich das Buch im Grunde nicht lesen wollte. Ich kann mir also gut vorstellen, wie es Schülern mit diesem Roman gehen kann, denn er wird oft als Klassenlektüre gewählt. Ich habe allerdings auch wieder gemerkt, wie wichtig es ist, sich vor allem zu Beginn eines Buches auf Neues einzulassen und unvoreingenommen zu sein. Denn nach einige Zeit fand ich wie von alleine in die Geschichte - und sie ließ mich nicht mehr los.

Maik ist, zumindest auf der emotionalen Ebene, ein typische Teenager. Er ist verliebt, traut sich jedoch nicht, seine Gefühle zu zeigen, schwankt zwischen Schüchternheit und Coolness und hat noch  nicht herausgefunden, wer er sein möchte. Er kommt aus einem reichen Elternhaus, doch wie so oft liegt auch dort hinter der Fassade alles in Scherben: die Mutter ist alkoholsüchtig, der Vater hat eine Affäre und finanzielle Probleme. Es hat mir sehr gefallen, dass Herrndorf ihn als einen sensiblen Jungen darstellt, der seine Gefühle nach außen aber nicht zeigt. Ich denke, damit trifft er den Nerv vieler Jugendlicher, die sich dadurch mit dem Protagonisten identifizieren können und daraus für sich die Lehre ziehen können: du bist okay so, wie du bist.

Tschick ist scheinbar das totale Gegenteil von Maik. Er tritt selbstbewusst aber auch irgendwie gleichgültig und stets selbstironisch auf und man fragt sich, was der Junge durchmachen musste, dass er gelegentlich alkoholisiert zur Schule kommt, mal sehr gute, mal sehr schlechte Noten schreibt, mit gestohlenen Autos durch die Gegend fährt, aber aus allem keine große Sache macht. Tschicks Geschichte steht zwar nicht im Vordergrund, Herrndorf weist aber dennoch ganz subtil auf die Problematik von sogenannten sozialen Brennpunkten hin.

Kern der Geschichte ist Roadtrip der beiden Jungs durch Deutschland, eine spontane Aktion, deren mögliche Ausmaße den Jungs nicht eine Sekunde lang in den Sinn kommt. Sie fahren einfach los, ohne Karte oder Kompass, und als ich sie dabei begleitete, spürte ich dieselbe Vorfreude, die mich immer überkommt, wenn ich eine lange Autofahrt starte oder verreise. Dieses Gefühl von Freiheit und Abenteuer, von Sommer und jugendlichem Leichtsinn hat Herrndorf sehr gut eingefangen.

Es grenzt ans Absurde, was Maik und Tschick alles erleben und was sie sich einfallen lassen, um nicht erwischt zu werden. Dadurch ergeben sich oft sehr komische Situationen, über die man einfach nur schmunzeln kann, wenn Maik sie auf seine trockene und naive Art erzählt. Trotzdem ist zu jeder Zeit klar (zumindest für den Leser), wie gefährlich die ganze Aktion ist - und schon das erste Kapitel verdeutlicht, dass kein uneingeschränktes Happy End zu erwarten ist. Diesen Aspekt halte ich für besonders wichtig bei einem Jugendbuch, aus dem sich meiner Meinung nach eine wie auch immer geartete Lehre ziehen lassen sollte, oder das zumindest die möglichen Konsequenzen verschiedener Handlungen aufzeigen sollte.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mich das Buch positiv überrascht hat und ich verstehe, warum es auf so viele positive Stimmen gestoßen ist und so gerne für den Unterricht benutzt wird. Ich habe es gerne gelesen, nachdem ich ich mich an den Stil gewöhnt hatte, und freue mich auf das Theaterstück heute abend, von dem ich im Anschluss sicherlich berichten werde. Den Film möchte ich mir bei Gelegenheit auch ansehen, denn der Trailer sieht sehr vielversprechend aus. Ich vergebe 4 von 5 Wolken.

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