Dienstag, 12. Juli 2016

"Die stumme Herzogin" von Dacia Maraini

"Ein Vater und eine Tochter, da sind sie: er blond, schön, strahlend, sie plump, sommersprossig, ängstlich. Er in nachlässiger Eleganz, mit heruntergerutschten Strümpfen, schief aufgesetzter Perücke, sie in ein dunkelrotes Korsett gezwängt, das ihre wächserne Hautfarbe hervorhebt. Die Augen des kleinen Mädchens folgen im Spiegel den Bewegungen des Vaters, der gebeugt steht und sich die weißen Strümpfe über die Waden zieht. Sein Mund bewegt sich, aber der Klang seiner Stimme dringt nicht bis zu ihr vor, er verliert sich, bevor er das Ohr des Kindes erreicht, fast als sei die geringe Entfernung, die sie voneinander trennt, nichts als eine Täuschung des Auges. Sie scheinen einander nah, doch sie sind tausen Meilen voneinander entfernt."


"Die stumme Herzogin" von Dacia Maraini

Verlag: Piper (2015)
Format: TB, 342 Seiten
ISBN: 978-3-492-27221-6
Preis: 9,99 € [D] 
Originaltitel: La lunga vita di Marianna Ucrìa (1993)

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Inhalt


Mit dreizehn Jahren wird die taubstumme Herzogin Marianna Ucrìa mit ihrem wesentlich älteren Onkel verheiratet. Doch sie schafft es, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und lässt sich nicht unterjochen. Doch ihre Entschlossenheit gerät ins Wanken, als sie viele Jahre später dem jungen Diener Saro begegnet, der sie in die Welt der Liebe entführen will...

Meine Meinung


Für mich zählt dieser Roman leider zu jenen Büchern, deren Inhaltsangabe und Klappentext spannend klingen, die dann jedoch tatsächlich weniger als erwartet mit der Beschreibung zu tun haben. Ich habe mir dieses Buch gewünscht, weil die Inhaltsangabe verheißt, dass Marianna liest und schreibt, Literatur und Philosophie liebt und sich "schließlich einen Liebhaber aus dem Volk" nimmt. Ganz so spielt sich die Geschichte jedoch nicht ab.

Ich muss zugeben, dass bei diesem Buch schon nach den ersten Seiten erste Zweifel aufkamen. Ich fand nicht so recht in die Geschichte hinein und der Schreibstil war für mich schwer zu erfassen. Ich habe dennoch weiter gelesen, eben weil ich auf das hoffte, was in der Inhaltsangabe angepriesen wurde. Ich fand dann glücklicherweise auch einen Zugang zu dem Buch, doch die Enttäuschung, die mich langsam überkam, blieb bis zum Ende bestehen.

Es gibt durchaus einige positive Seiten an dem Buch und es besteht kein Zweifel daran, dass es sich hier um hochkarätige Literatur handelt. Nur war sie eben nicht das richtige für mich. Mir gefielen zwar die Schilderungen des Lebens der Herzogin und der Menschen um sie herum, die Beschreibungen des Sizilien des 18. Jahrhunderts, der Lebensumstände von Armen und Reichen und Mariannas Umgang mit ihrer Behinderung. Doch daneben störte mich auch vieles. So zum Beispiel der seltsame mystische Einschlag, dass Marianna die Gedanken mancher Menschen um sie herum hören kann, was mich ziemlich ärgerte in diesem ansonsten recht bodenständigen historischen Roman.

Auch kam die Literatur und die Philosophie, in die Marianna sich vertieft, für meinen Geschmack zu kurz. Es gibt zwar immer wieder Zitate und philosophische Gedanken, doch diese schienen für mich nicht den großen Einfluss auf die Herzogin zu haben, den der Klappentext erwarten lässt. Marianna bleibt trotz allem weiterhin zwischen den Schranken der Gesellschaft gefangen und emanzipierte sich nur wenig.

Am meisten störte mich jedoch Mariannas Zurückhaltung gegenüber dem jungen Diener Saro, die zwar sicherlich ihre Berechtigung in der damaligen Zeit hat, mit der ich aber einfach nicht gerechnet hatte. Man könnte meinen, dass Marianna im Laufe der Jahre ihre Dünkel überwunden hat und so weit mit sich im Reinen ist, dass sie sich ihrer Leidenschaft hingibt - zumal sie ihre "Pflichten gegenüber der Gesellschaft" hinreichend erfüllt hat. Zumindest hatte ich das erwartet und das hätte für mich ein rundes Bild ergeben. Doch ihre Zurückhaltung nervte mich und davon, dass sie sich "einen Liebhaber aus dem Volk" nimmt, kann meiner Meinung nach nicht die Rede sein.

Der Spannungsbogen hält sich zwar irgendwie, da von Anfang an deutlich wird, dass Marianna nicht taubstumm zur Welt kam. Der Wunsch, das Geheimnis um ihr plötzliches Verstummen zu lüften, ließ auch mich Seite für Seite umblättern. Die Auflösung ist schließlich tragisch und ließ mich fassungslos zurück. Doch da das Rätsel um ihr Schweigen nicht das war, weshalb ich das Buch lesen wollte (tatsächlich kann man anhand des Klappentextes nicht erahnen, dass es sich um eine psychisch bedingte Behinderung handelt), reichte es nicht, um mich zu überzeugen. Ich kann daher nur 2 von 5 Wolken für diesen Roman vergeben.

Ein weiteres Manko noch, das aber allein dem Verlag zur Last gelegt werden muss: Marianna wird im Roman als blond beschrieben. Und das mehrfach. Warum also ist auf dem Cover eine dunkelhaarige Frau abgebildet?? 

Kommentare:

  1. Guten Morgen Jacy,

    das Buch hatte ich auch eine ganze Weile umkreist und angesehen, mich aber noch nicht dazu durchgerungen es auch zu kaufen. Vielleicht lass ich es auch lieber, zwei Sterne klingt wirklich nicht besonders überzeugend :( Schade eigentlich.

    Liebe Grüße
    Ivy

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  2. Hey :)

    Ja wirklich, das würdest du machen? <3 Aw, das fände ich echt total lieb. Allerdings fahr ich jetzt bald in Urlaub, danach wäre es vermutlich praktischer, damit auch jemand da ist :) Du kannst dich ja einfach mal unter Iracoen[at]googlemail.com melden, wenn du Lust hast, was ich dir vielleicht an Porto oder so erstatten soll und wie am besten.
    Aaw, du hast meinen Tag gemacht! <333

    Liebe Grüße
    Ivy

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)