Dienstag, 20. September 2016

"Virus. Die neue Welt" von Tessa Tormento

"Mein Name ist Esther. Es gab Zeiten, da habe ich meine Eltern dafür gehasst, dass sie mir einen derart altmodischen Namen geben mussten. Er hatte mir nie gefallen, hatte manchmal sogar für spöttische Kommentare gesorgt. Kinder suchten immer irgendwelche Gründe, um jemanden aufzuziehen - und ein Name, der nicht zwischen die ganzen Lenis, Anthonys, Sams und Tyreens passte, konnte da schon ein Aufhänger sein. Heute gucke ich manchmal in den Spiegel. Ich berühre fleckiges Glas, das mein Gesicht nur noch verzerrt widerspiegelt, und strichle über die Gesichtszüge, die mich ausmachen, die in gewisser Weise auch meine Eltern zeigen."


"Virus. Die neue Welt" von Tessa Tormento

Verlag: Katharina Tiemann (2016)
Format: Ebook
Preis: 0,99  € [D] 

☁ ☁ ☁


Inhalt


Esther ist erst 18, als ein Virus den Großteil der Menschheit dahinrafft und auch ihre Eltern und ihren Bruder nicht verschont. Seither sind drei Jahre vergangen, und es stellt sich heraus, dass die Überlebenden nicht etwa zusammenhalten um sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, sondern dass sie rücksichtslos um die letzten verbliebenen Ressourcen kämpfen...

Meine Meinung


Über dieses kleine aber feine Büchlein bin ich zufällig beim Surfen auf Amazon gestoßen. Es war das tolle Cover, das mich sofort angesprochen hat und mich dazu bewog, mir das Buch näher anzuschauen. Für nur 0,99 € habe ich es dann gekauft und hatte es innerhalb eines verregneten Vormittags gelesen. Es ist ruhiger als ich erwartet hatte, dafür besonders tiefgründig.

Der Leser begleitet zunächst die 21-jährige Esther durch ihr neues Leben in einer postapokalyptischen Welt, in dem sie sich bereits seit drei Jahren alleine zurecht finden muss. Sie hat sich in einer kleinen Waldhütte eingerichtet, wo sie von dem lebt, was sie in verlassenen Häusern und Supermärkten sammeln konnte. Doch nun ist ein Gang in die Stadt nötig, wo sie auf andere Menschen trifft, die ihr nicht wohlgesonnen sind. Hier kommt ein weiterer Hauptcharakter ins Spiel: Nick. Das war zu erwarten, da alle vorangegangenen Kapitel mit "Esther" überschrieben waren. Durch Nick, der seine Sicht der Dinge ebenfalls in Ich-From beschreibt, bekommt der Leser nun eine erweiterte Sicht auf die Situation und erfährt auch, wie andere es geschafft haben, in der neuen Welt zu überleben.

Den Großteil des Buches nehmen jeodch die Beschreibungen von Esthers Raubzug durch die Stadt ein. Leider, wie ich sagen muss, denn dieser ist doch eher stümperhaft. Ein Verhalten, wie die Protagonistin es an den Tag legt, hätte ich von jemandem erwartet, der sich gerade erst an die neuen Umstände anzupassen versucht - nicht von jemandem, der schon drei Jahre überlebt hat. Das ist auch mein größter Kritikpunkt an dem Buch. Würde das alles kurz nach dem Ausbruch des Virus spielen, wäre ich hellauf begeistert von der Story. Doch so musste ich mich mehr als einmal fragen: Mädchen, was tust du eigentlich??

Es liegt doch auf der Hand, dass man sich nicht kurz vor der Abenddämmerung auf unbekanntes und potenziell gefährliches Terrain begibt. Auch sollte man nach drei Jahren gelernt haben, mit seinen Ängsten umzugehen und sich nicht von Dunkelheit und fremden Häusern lähmen lassen. Esther erwähnt zwar, dass die Serie The Walking Dead ihr sehr beim Überleben geholfen hat, doch tatsächlich scheint sie keine große Ahnung davon zu haben, wie man sich in einer postapokalyptischen Welt bewegt und verhält.

Aber seis drum - meistens gelang es mir, darüber hinwegzusehen und ich konnte mich doch ziemlich für das Buch erwärmen. Vor allem die Beschreibungen von Esthers Innenleben sind Tormento sehr gut gelungen und machen die mangelnde Action dieses ersten Bandes wett. Und auch wenn die Geschehnisse insgesamt vorhersehbar und doch recht klischeehaft sind - so abwegig ist das ganze gar nicht in einem solchen Szenario, und Tormento hat das doch schon etwas ausgelutschte Thema auf angenehme Weise neu aufbereitet.

Was mich jedoch etwas stutzig gemacht hat. ist die Bezeichnung "Dystopie", die sich auf dem Cover findet. Die Grenzen zwischen Dystopie und Endzeit sind ja oft verschwommen, doch für mein Verständnis des Genres Dystopie fehlt in diesem Roman eindeutig die gesellschaftliche Komponente, die ja eigentlich das Hauptcharakteristikum einer Dystopie ist. Meiner Meinung nach handelt es sich bei Virus. Die Neue Welt um einen Endzeitroman.

Das Buch endet mit einer spannenden Flucht und einem Cliffhanger, der einen direkt nach dem nächsten Band schauen lässt, der bereits erschienen ist. Auch diesen werde ich bei Gelegenheit lesen, denn die Vorgeschichte, als die man diesen ersten Band bezeichnen könnte, lässt auf eine spannende Fortsetzung hoffen.

Ich vergebe 3 von 5 Wolken für diesen Kurzroman - Abstriche gibt es für die meiner Meinung nach falsche Zeit, in der die Story spielt. Drei Jahre früher, und es hätte 4 Wolken gegeben. 

1 Kommentar:

  1. Hey!
    Das Buch hört sich wirklich ganz gut an. Ich kann aber verstehen, dass das Verhalten von Esther dich gestört hat. Das wäre mir wohl auch aufgefallen. Versteht man wirklich nicht so ganz.
    Danke für die tolle Rezi, die mir ein Buch vorgestellt hat, das ich noch nicht kannte.
    LG
    Yvonne

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