Donnerstag, 19. Januar 2017

"Anna in der Wand" von Patrice Kindl


"Anna in der Wand" von Patrice Kindl

Verlag: Gabriel (1998)
Format: HC, 173 Seiten
ISBN: 3-7072-6579-X
Originaltitel: The Woman in the Wall (1997)
Aus dem Amerikanischen von Marie Rosken

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Inhalt


Anna war schon immer ein unscheinbares und schüchternes Kind. Der Ausblick darauf, in die Schule gehen zu müssen, ist der absolute Horror für sie und so zieht sich das junge Mädchen Stück für Stück in seine eigene Welt zurück, die es sich zwischen den Mauern des alten Hauses ihrer Familie und einer selbst gezimmerten zweiten Wand geschaffen hat. Von dort aus beobachtet Anna ihre Schwestern und ihre Mutter, näht Kleider für sie oder nimmt Reparaturen am Haus vor. Sie ist zufrieden mit ihrem Leben, bis sie sich unglücklich verliebt und zudem ein möglicher Umzug ihre kleine heile Welt bedroht. Doch wird sie über ihren Schatten springen können?


Meine Meinung


Anna in der Wand stand schon lange auf der Liste der Bücher, die ich unbedingt einmal selbst im Regal stehen haben will. Bei einer größeren Rebuy-Bestellung Ende letzten Jahres kam es nun endlich an die Reihe und ich war sehr gespannt, ob es mir so gut gefallen würde wie beim ersten Lesen vor vielen, vielen Jahren. Und das hat es!

Es ist die Geschichte eines schüchternen Mädchens, das sich vor der Welt versteckt, bis die äußeren Umstände es dazu zwingen, über seinen Schatten zu springen. Doch zunächst hat sie so große Angst vor den Menschen außerhalb des Hauses, dass sie sich im wahrsten Sinne in die Wände zurückzieht. Ich fand es faszinierend, wie Anna sich eine eigene kleine Welt erschafft, indem sie Zwischenwände hochzieht und diese genauso gestaltet wie die Wände, die nun verborgen sind. Niemand aus ihrer Familie, bestehend aus der Mutter und zwei Schwestern, merkt, dass die Räume des riesigen Hauses, das sie bewohnen, geschrumpft sind. Ich glaube, dass jeder zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben mal von solch einem Refugium träumt und sich wünscht, der Welt entfliehen zu können, und somit steht Anna ein Stück weit für uns alle.

Doch Kindl hat Anna nicht nur diese eine, auf den ersten Blick eher schwache Seite gegeben, sondern ihren Charakter sehr differenziert ausgestaltet. Denn Anna näht ausgefallene und raffinierte Kleider für ihre Mutter und ihre Schwestern und ist zudem handwerklich äußerst begabt, sodass die Reparaturen, die das alte Haus von Zeit zu Zeit erforderlich macht, gerne ihr übertragen werden. Diese Fähigkeit ermöglicht es ihr überhaupt, ihre eigene kleine Welt zu erschaffen und macht den Roman zusätzlich zu einem Stück gendertauglicher Kinder- und Jugendliteratur.

Kindl ist es außerdem sehr gut gelungen, die zunehmende Zwiegespaltenheit Annas darzustellen. Die Angst vor der Welt verflüchtigt sich in der Pubertät zwar nicht, doch Anna zeigt immer mehr Interesse an der Außenwelt, vor allem, als sie Briefe von einem Jungen in den Wänden findet. Es beginnt ein reger Briefkontakt, der zwar in einer herben Enttäuschung endet, für Anna jedoch auch die Tür zurück ins Leben aufstößt. Es ist jedoch nicht nur der Junge, der positiv auf Anna einwirkt, sondern auch ihre kleine Schwester Kirsty, deren direkte und unvoreingenommene Art ich sehr mochte und der es mit Leichtigkeit gelingt, Anna aus der Reserve zu locken. Ein Maskenball wird schließlich zu einem wichtigen Schlüsselereignis, was ich sehr gut gewählt finde. Wer versteckt sich nicht gerne hinter einer Maske, wenn er unsicher ist?

Natürlich darf man bei diesem Roman nicht alles wörtlich nehmen. Das wird schnell deutlich, als die Familienmitglieder sich öfters aus Versehen auf Anna setzen, weil sie so unscheinbar ist, dass sie beinahe unsichtbar ist. Stattdessen ist vieles metaphorisch und als ein Versuch zu verstehen, die teils widersprüchlichen Gefühle von Heranwachsenden zu verbildlichen. Der Klappentext verheißt sogar, dass es noch einen Schritt weiter gehen könnte, doch diese Implikation finde ich für einen Klappentext erstens nicht passend und zweitens konnte ich davon nichts im Text selbst wiederfinden, obwohl man sicherlich dahingehend interpretieren könnte.

Aber macht euch am besten selbst ein Bild! Mir hat es großen Spaß gemacht, das Buch erneut zu lesen, jetzt, da ich mich dank meines Studiums näher mit Psychologie und damit auch mit verschiedenen Entwicklungsstufen beschäftigt habe und somit einiges anders deuten konnte. Doch schon als Kind hat mich das Buch fasziniert, denn ich konnte Anna gut verstehen und habe mich gerne mit ihr in ihrem Refugium verkrochen. Dieses Buch landet auf jeden Fall jetzt auf der Liste der Bücher, die ich meinen eventuellen späteren Kindern zum Lesen geben möchte. Ich vergebe 5 von 5 Wolken.

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